Familienvater verspielt 9 Millionen

STRAFGERICHT ⋅ Für seine Spielsucht betrügt ein Buchhalter seinen Arbeitgeber um 9 Millionen Franken. Laut dem Verteidiger genügt vorerst eine ambulante Behandlung. Das Urteil folgt später.
21. September 2017, 05:00

Jürg J. Aregger

juerg.aregger@zugerzeitung.ch

Tag und Nacht habe er zuletzt wegen seiner Spielsucht auf sein Handy geblickt. Manchmal gab es Gewinne, meist aber Verluste. Das Geld dafür stahl der Luzerner Familienvater von seinem Arbeitgeber, einer internationalen Spielagentur. Von Ende 2007 bis Ende 2015 läpperte sich ein Delikts­betrag von fast unglaublichen 8,8 Millionen Franken zusammen. 202 Mal bezog der Buchhalter illegal Geld. Er habe sich damals selbst anzeigen wollen, gab der Beschuldigte vor dem Strafgericht ­zu. Allerdings kam ihm die­ Post­fi­nance zuvor. Ihrem Überwachungssystem waren die Zahlungen schon längere Zeit auf­­­­ge­fallen. Dies im Zuge des Geldwäschereigesetzes, das vorschreibt, dass internationale Überweisungen besonders unter die Lupe genommen werden müssen. Da der Luzerner geständig war, kam er nur zwei Tage in Untersuchungshaft.

Sein System war ausgeklügelt: Im Sommer 2006 eröffnete er an seiner Wohnadresse eine Gesellschaft mit einem entsprechenden Konto bei der Postfi­nance. Das Gleiche tat er Anfang 2014 mit einer anderen Firma. Auf deren Namen stellte er Rechnungen an seinen Arbeitgeber mit manipulierten oder unwahren Kotierungszetteln aus. 57 fiktive Rechnungen betrafen die moldawische Fussballföderation und 33 einen Sportfunktionär. Zwei seiner Mitarbeiter bei der Spieleagentur, welche die Zahlungen auslösen sollten, wurden vom Buchhalter durch die Vorlage der fiktiven Rechnungen getäuscht und in die Irre geführt. Er hatte im Oktober 2015 selber gekündigt und wurde, als die Sache aufflog, fristlos entlassen.

1000 bis 1500 Spielbewegungen pro Tag

Der Beschuldigte zeigte sich an der Verhandlung vor dem Strafgericht zerknirscht: «Ich habe Mist gebaut. Ich wollte mich bei meinen Vorgesetzten und Mitarbeitern entschuldigen, sah aber vorerst davon ab. Ich war während Jahren suchtkrank, das Spielen war allgegenwärtig. Ich war immer am Handy und machte 1000 bis 1500 Spielbewegungen am Tag.» Wenn die Tageslimite von 48'000 Franken gesperrt wurde, wechselte er auf andere Plattformen. Bei den Slots gab es Gewinnmöglichkeiten bis zu 100'000 Franken.

Der Mann war früher Stammgast bei den Schweizer Kasinos und liess sich dann sperren. Auf dem Handy begann er mit Fussballwetten von 5 Franken und steigerte sich immer mehr. Wenn er einen grösseren Gewinn machte, leistete er sich ein teures Auto oder buchte Ferien mit seiner Familie. Zuletzt probierte er es mit dem Lotto, um auf einen Schlag die Millionenverluste wettzumachen. Er habe etwa für 25 Millionen gespielt: «Es war ein Teufelskreis.» Staatsanwalt Andreas Sidler sprach von einer sehr hohen kriminellen Energie des Beschuldigten bezüglich Deliktsdauer und Deliktshöhe. Dieser verfüge über narzisstische Züge, aber nicht so starke, dass sie eine psychische Krankheit darstellen würden. So sei er voll zurechnungsfähig, wie der Gutachter in einem Vorverfahren erläuterte. Für einen legalen Bezug des Deliktsbetrags hätte er fast 90 Jahre arbeiten müssen.

«Keine besondere Strafempfindlichkeit»

Der Ankläger ging für den gewerbsmässigen Betrug und die mehrfachen Urkundenfälschungen von einer Einsatzstrafe von 5 Jahren aus, wovon er 30 Prozent für das Geständnis und die Reue abzog und 30 Prozent für die Taten während der Probezeit dazuzählte. So wurde er kürzlich vom Luzerner Kriminalgericht für ähnliche Delikte zu einer Freiheitsstrafe von 26 Monaten unbedingt verurteilt. Diese Vorwürfe bestreitet er, wobei das schriftliche Urteil noch nicht vorliegt. Der Staatsanwalt gestand dem Beschuldigten als Familienvater keine besondere Strafempfindlichkeit zu und bezog sich dabei auf Urteile des Bundesgerichts. Zudem sei ein Berufsverbot angemessen und eine ambulante Massnahme anzuordnen.

«Nicht unschuldige Frau und Kinder bestrafen»

Der Verteidiger wollte die Taten weder beschönigen noch verharmlosen. Er wies aber auf eine gewisse Opfermitverantwortung hin – «es gab keine materielle Prüfung». Er sprach von Beschaffungskriminalität. Seine Frau und die Kinder sollten nicht unter einem Strafvollzug leiden müssen. Es sei von einer verminderten Schuldfähigkeit auszugehen. Die begonnene ambulante Behandlung sei fortzusetzen und die Freiheitsstrafe («maximal ein Jahr») aufzuschieben. In seinem Schlusswort zeigte sich der Luzerner bereit, sein Leben lang Rückzahlungen zu leisten. «Die Therapie hat mich in die Realität zurückgebracht», beteuerte er. Das Urteil erfolgt später schriftlich.

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