Burg Zug: Autoren helfen beim Schreiben der Migrationsgeschichten

ZUG ⋅ Im Rahmen der aktuellen Ausstellung «Anders.wo» im Museum Burg können Ein- und Auswanderer ihren Weg verfassen lassen und zur Erinnerung ein Taschenbuch erstellen.
08. Januar 2018, 05:00

«Ich wollte schon immer meine Geschichte für die Kinder verfassen, doch mir fehlte die Zeit», sprudelt es aus Kateryna Guist (40) heraus, als sie das «Büro für Migrationsgeschichten» betritt. Es befindet sich im Museum Burg Zug, wo letzten Samstag die Zürcher Autorin Julia Weber im Einsatz steht, um diejenigen zu unterstützen, die ihre Geschichte für später festhalten wollen.

«Ab und zu lese ich mein Tagebuch und merke, dass manche Erinnerung verloren geht», stellt Kateryna Guist fest. Sie stammt aus der Ukraine, genauer aus Kiew, und lebt heute in Arth-Goldau. Sie habe draussen das Schild gesehen, als sie mit den Kindern vorbeigegangen sei, und sei nun zufällig da. Interessiert lässt sie sich von Julia Weber erklären, wie das mit dem Schreiben der Migrationsgeschichten abläuft. Um direkt zu starten, habe sie keine Zeit – wegen der Kinder, aber nun weiss sie, wie es geht, und kann daheim starten.

Spannende Beispiele sind vorhanden

Neugierig schaut ein Mann herein. Er habe lange im Ausland gelebt, nun sei er in die Heimat zurückgekehrt – mit vielen Tage­büchern und Erlebnissen. Es wird deutlich, dass seine Geschichte den Rahmen der kleinen Büchlein sprengen würde, von denen bereits über 20 im Regal des Büros zu finden sind.

Zusammen mit dem Autor Beat Mazenauer sind spannende Migrationsgeschichten entstanden. Beispielsweise die von Džehva Šabanovic, die heute in Zug lebt. Anschaulich beschreibt sie das frühere Leben als Saisonnier-Familie im ehemaligen Jugoslawien, und wie der Krieg sie zur Flucht in die Schweiz zwang. Und wie zu lesen ist, hat sich die aktive Kampfsportlerin in der neuen Heimat bestens integriert. Auch Ellen Derungs (81) aus Zug will sich informieren und erzählt, wie sie der Liebe wegen aus dem deutschen Hagen in die Schweiz eingewandert ist: «Das war 1960, drei Tage vor der Hochzeit.» Der Mann sei leider inzwischen verstorben. Er habe ihr damals für die Integration geraten, sofort «Schwyzerdütsch» zu lernen: «Und ich habe mich hineingekniet.» Julia Weber sagt: «Ellen Derungs will daheim zuerst alles chronologisch festhalten und wiederkommen, um mit uns zusammen daran zu schaffen.»

Zu Beginn der Gespräche hat Julia Weber jeweils die wichtigsten Lebensstationen der Erzähler am Computer notiert. Wer will, kann selber arbeiten oder sich sprachlich von einem der vier Autoren beraten lassen. Julia Weber hat festgestellt, dass viele Menschen den Wunsch haben, gehört zu werden und die wichtigsten Punkte ihres Lebens zu verorten. «Unsere Aufgabe ist es, dem aus der Erinnerung spontan Erzählten Strukturen zu geben. Das wird schnell persönlich.» Darum müsse es auch zwischenmenschlich stimmen, denn die Hilfestellung geschehe in einem intimen Moment. «Es geht ja bei den Erzählungen um die eigene Identität», betont Julia Weber und ergänzt: «Wir bieten eine Gelegenheit, Menschen zu motivieren, ihre Herkunft zu reflektieren.»

Die vielseitig konzipierte Ausstellung «Anders.wo» stösst auf Interesse. Mitarbeiterin Regula Wetter stellt fest: «Es kommen auch Angehörige oder Nachkommen derjenigen vorbei, die in der Ausstellung erwähnt sind.»

 

Monika Wegmann

redaktion@zugerzeitung.ch

Hinweis

In der Burg ist im «Büro für Migrationsgeschichten» jeweils ein Autor da, um zu unterstützen: Mi. 17. Januar, Sa. 3. Februar, Sa. 3. März, Mi. 21. März, Sa. 7. April, Sa. 5. Mai, Mi. 16. Mai, Sa. 2. Juni, Mi. 20. Juni, Sa. 7. Juli. Infos: www.burgzug.ch


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