Baarerin erfüllt sich Lebenstraum

AUSWANDERUNG ⋅ Anfang Jahr machte die in Baar aufgewachsene Nina Mueller Nägel mit Köpfen und wanderte nach Israel aus. Von Tel Aviv aus führt sie ihre eigene Kommunikationsfirma.
01. Dezember 2017, 07:31

Livio Brandenberg

livio.brandenberg@zugerzeitung.ch

Nach Israel auszuwandern, sei ein Traum gewesen, den sie schon als 4-Jährige gehabt habe. Im Januar hat die Baarerin Nina Mueller diesen Traum verwirklicht. Dafür musste sie 27-jährig werden. Und zuerst ihre eigene Firma gründen. «Wir waren als Kinder immer wieder in Israel in den Ferien mit meinen Eltern», erzählt Mueller, als wir sie am Telefon in Tel Aviv erreichen. Da habe sich das Gefühl ergeben, einmal dort leben zu wollen. Warum, sei schwierig zu erklären. Am Ende sei es wohl einfach «etwas Emotionales», wie sie sagt. Auch wenn sie vor Ort keine Verwandten habe, habe sie sich immer wohlgefühlt in Israel.

Das Emotionale dürfte mit der Familiengeschichte und deren Aufarbeitung zu tun haben, der sich Mueller im Zuge der Auswanderung widmete. Denn ihre Familie hat den Holocaust am eigenen Leib miterlebt. So machte Mueller «Aliyah». Das bedeutet, dass Juden weltweit die Möglichkeit haben, nach Israel einzureisen. Bei der Ankunft erhalten sie den israelischen Pass sowie alle Rechte und Pflichten eines gebürtigen Israelis.

Zahlreiche Schweizer Kunden

Aus Tel Aviv, der zweitgrössten Stadt und dem grössten Ballungszentrum des Landes, betreut Mueller nun seit Anfang Jahr ihre Kunden. Im Dezember vor der Abreise hat sie die Kommunikationsfirma Comm_art gegründet. Im «Eine-Frau-Betrieb» designt die Baarerin etwa Websites in verschiedenen Sprachen, schreibt Texte für Firmenkunden, bietet Content Marketing, Suchmaschinenoptimierung und Übersetzungen an oder übernimmt die Betreuung von Social-Media-Kanälen. Hilfe hole sie sich regelmässig bei ihrem Bruder, der in Berlin Kunst studiere, so Mueller. Er helfe vor allem bei grafischen Aufträgen. Falls nötig, ziehe sie auch Freelancer bei, etwa für komplexe Programmierarbeiten oder Übersetzungen. «Russisch kann ich zum Beispiel nicht, da stosse ich an meine Grenzen», sagt Mueller, die neben Deutsch auch Englisch, Französisch und Italienisch spricht. Hebräisch beherrsche sie inzwischen ordentlich, doch es sei eine schwer zu lernende Sprache, «da man am Anfang nichts lesen kann».

Die freien Mitarbeiter, auf die Mueller angewiesen ist, findet sie online oder über ihr lokales Netzwerk, wie sie sagt. «Das kann heikel sein, denn man steht ja mit seinem Namen und dem Produkt hin. Daher arbeite ich immer mit den Leuten, mit denen ich zufrieden war.» In Tel Aviv – und auch in Israel allgemein – laufe ohnehin vieles über Kontakte. «Ich kenne beispielsweise die meisten Übersetzer hier, und wir vermitteln uns gegenseitig Kunden.»

Das Geschäft laufe momentan gut, auch wenn sie noch Kapazität für Neukunden habe. Aktuell betreue sie etwa 25 Schweizer Kunden, wobei diese Zahl variiere. «Einige wollen eine Übersetzung, andere eine Website, also grössere oder kleinere Aufträge, die irgendwann abgeschlossen sind.» Wiederum andere Kunden wollten nach dem initialen Auftrag aber, dass sie die Website auch weiterbetreue. 15 Auftraggeber aus der Schweiz seien «permanente» Kunden, die anderen würden sich für einzelne Projekte an sie wenden. Aus dem Kanton Zug hat Mueller laut eigenen Angaben derzeit sechs Mandate, der Rest seien Firmen aus dem Grossraum Zürich.

Verschiedene Zeitzonen als Schwierigkeit

Die grosse Distanz bei der Betreuung der Kunden stelle keine Hürde dar, so Mueller. Inzwischen sei es völlig normal, über Skype oder WhatsApp zu kommunizieren und etwa Dokumente zu präsentieren. «Schwierig ist es manchmal einzig wegen der Zeitzonen, da ich auch viele internationale Kunden habe.» Und: In Israel sei die Art zu arbeiten einfach eine andere. «Anders als in der Schweiz ist hier nicht alles durchorganisiert, sondern etwas lockerer und auch chaotischer. Ich komme beispielsweise tendenziell fünf bis zehn Minuten zu früh an eine Sitzung oder eine Telefonkonferenz. Die anderen eher fünf bis zehn Minuten zu spät.» Mueller schätzt ihre Kunden aus der Heimat deshalb umso mehr. «Ich hätte gerne mehr Schweizer Kunden», sagt sie lachend. «Denn sie sind top organisiert und gut erreichbar, man erhält zum Beispiel immer schnell Antwort auf Mails.»

Die Schweizer Arbeitsmentalität hat Nina Mueller während ihrer Lehre im Hotel Palace in Luzern und in weiteren Stellen – unter anderem in Modeljobs – verinnerlicht. Sie absolvierte die Minerva-Hotelhandelsschule und arbeitete danach in der Hotellerie in der Schweiz, in Frankreich und Tunesien. Danach sammelte sie bei verschiedenen Start-ups im Marketing und im Verkauf Erfahrungen. Dar­unter bei der Softwarefirma WinVS, einer Schwestergesellschaft der Meta10, die ihren Sitz beide in Baar haben.

Aromat im Küchenschrank

Wäre die Schweizer Mentalität für sie denn auch Anreiz genug, um in absehbarer Zeit wieder hierher zurückzukehren? «Ich habe ja die doppelte Staatsbürgerschaft, ich kann also jederzeit zurückkommen», sagt Mueller. «Jedes Mal, wenn ich am Flughafen in Kloten ankomme, merke ich: Das ist meine Heimat, wo ich geboren und aufgewachsen bin und meine Freunde habe.» Und es gebe durchaus Dinge, die sie sehr vermisse. «Zuerst meine Familie in Baar, mit der ich einen engen Zusammenhalt habe – wir telefonieren jeden Tag, und sie kommt mich auch besuchen.» Aber auch Freunde oder etwa Restaurants.

Schön sei, dass ihre Familie sie immer unterstützt habe. «Der Abschied war natürlich emotional. Doch meine Eltern waren glücklich, dass ich mir meinen Wunsch endlich erfüllen konnte.» Auf ein kleines Stück Heimat verzichtet Mueller aber nie: «Wie es sich gehört, steht hier in meiner Wohnung im Surferviertel im Küchenschrank Aromat.»

Einen Zeithorizont für ihre Rückkehr habe sie aber nicht. «Auch wenn es mal Tage gibt, an denen ich denke: ‹Das war’s, jetzt gehe ich zurück›, bin ich sehr glücklich hier.»


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