Martin Elmiger: «Damit schliesst sich ein Kreis»

RAD ⋅ Martin Elmiger (38) befindet sich in seiner 17. und letzten Profisaison. Mit dem Auftaktwochenende der Tour de Suisse in Cham steht ein Höhepunkt für ihn bevor. Im Interview verrät der Routinier unter anderem, was es braucht, um Profi zu werden.
16. Mai 2017, 07:31

Interview: Fabian Trinkler

sport@zugerzeitung.ch

Bereits als kleiner Junge war für Martin Elmiger beim Zuschauen von Velorennen klar, dass er selber einmal professionellen Rennsport betreiben möchte. Seinen Einstand bei den Profis gab der Allrounder 2001 beim Swiss Post Team, danach führte ihn sein Weg über mehrere Stationen zum heute weltweit als Nummer eins geführten BMC-Racing Team. Der Chamer fuhr in seiner Karriere neun grosse Rundfahrten, davon siebenmal die Tour de France, ist viermaliger Schweizer Meister auf der Strasse und gewann unter anderem die Tour Down Under und die Vier Tage von Dünkirchen. In diesem Jahr hatte der 38-Jährige massgeblichen Anteil, dass sein Team­kapitän Greg van Avermaet beim Klassiker Paris–Roubaix nach einem Defekt noch triumphieren konnte.

Martin Elmiger, im Frühjahr stehen mit den grossen Eintagesklassikern jeweils prestigeträchtige, aber auch sehr anspruchsvolle Rennen auf dem Programm. Wie fällt Ihr Fazit aus?

Rückblickend ist es für mich nicht optimal gelaufen, ich hatte nicht den gewünschten Formstand und musste auch mit Materialproblemen kämpfen. Durch die Konkurrenzsituation im BMC-Team hatte ich nicht so viele Renntage wie auch schon in den Beinen, dies wäre in meinem Alter jedoch sehr wichtig. Ich kann das aber gut verarbeiten und bin froh, verletzungsfrei den Rest der Saison in Angriff nehmen zu können.

Bei Paris–Roubaix hatte Ihr Teamkapitän und spätere Sieger Greg van Avermaet einen technischen Defekt. Beschreiben Sie bitte, was sich in einer solchen Situation innerhalb des Teams abspielt.

Dies ist so ziemlich das Worst-­case-Szenario für eine Mannschaft. Als Helfer musst du, wenn nötig, dein Rad oder das ganze Velo dem Leader geben, falls der Materialwagen nicht schnell genug zur Stelle ist. Ausserdem muss man helfen, das Mannschaftsauto an die richtige Stelle zu dirigieren. Danach gilt es, den Leader mit einem möglichst kleinen Kraftaufwand zurück ins Feld zu führen. Gerade bei Rennen wie Paris–Roubaix mit engen Strassen, viel aufgewirbeltem Staub und einer enormen Hektik in der Wagenkolonne kann dies viel Energie kosten, die danach unter Umständen im Final fehlt.

Dazu kommt die Intensität der Positionskämpfe. Da wird mit harten Bandagen gekämpft, nicht wahr?

Schon ziemlich. Vor allem die Beine und Ellbogen werden manchmal bis an die Grenze der Legalität benutzt, aber auch Ausbremsmanöver kommen vor. Schliesslich wird an den entscheidenden Stellen von einem 200-köpfigen Feld um jeden Millimeter Strasse gekämpft, und es gibt nur eine Ideallinie. Man muss sich vorstellen, dass es in einem Rennen wie Paris–Roubaix für einen Fahrer mit Siegesambitionen ungefähr 20 virtuelle Ziellinien gibt. Ein Positionsfehler kann schnell einige Sekunden und damit sämtliche Siegeschancen kosten.

 

Ein ganz spezieller Höhepunkt für Sie ist die diesjährige Tour de Suisse. Sowohl der Prolog als auch Start und Ziel der zweiten Etappe finden in Ihrem Heimatort Cham statt.

Dies ist in der Tat ein sehr aussergewöhnliches Ereignis für mich. Der Prolog startet im «Stumpen», ich kann mich noch erinnern, dort eines meiner allerersten Velorennen gefahren zu sein. Auch die zweite Etappe am Tag danach führt sehr nahe an dem Ort vorbei, wo ich aufgewachsen bin und früher sehr viel mit dem Rad unterwegs war. Damit schliesst sich nach 17 Jahren als Veloprofi ein Kreis.

 

Ihre Anfänge, wie auch diejenigen von Grégory Rast, liegen im RMV Cham Hagendorn, der den Anlass organisiert.

Genau. Auch das ist eine speziell schöne Geschichte. Mit Gregi teile ich den Weg von den Juniorenzeiten bis zu den vielen gemeinsamen Jahren bei den Profis. Dass wir nun zu zweit unseren Stammverein bei einem Heimrennen an der Tour de Suisse vertreten dürfen und ihm damit etwas zurückgeben können, freut mich ausserordentlich. Der RMV leistet bei der Organisation seiner Rennen und auch in der Nachwuchsförderung hervorragende Arbeit. Auch ich profitierte in meinen Anfängen von seiner Unterstützung. Ich hoffe, dass wir mit unserem Auftritt eine Inspiration für junge Fahrer sein können.

 

Stichwort Nachwuchs: Welche Tipps geben Sie einem jungen Radsportler auf den Weg, der Profi werden will?

Wichtig ist, die Vision Radprofi nicht aus den Augen zu verlieren und dafür alles zu geben. Grade in der Zeit während der Lehre muss man bereit sein, wegen des hohen Aufwands für Trainings und Rennen gewisse Abstriche im Privatleben zu machen. Es war auch für mich nicht immer leicht, alles unter einen Hut zu bringen. Ich kann aber heute sagen, dass es sich unter dem Strich voll und ganz ausbezahlt hat.


Leserkommentare

Anzeige: