Das Papieribähnli steht auf dem Abstellgleis

CHAM ⋅ Dem Papieribähnli ist nach seiner Ausmusterung in der Papierfabrik eigentlich eine Zweitkarriere vergönnt gewesen. Doch das Schicksal hatte andere Pläne mit der hierzulande einzigen verbliebenen Lokomotive ihrer Art.
11. November 2017, 05:00

Raphael Biermayr

raphael.biermayr@zugerzeitung.ch

Das Papieribähnli ist im Juli 2014 aus Cham ausgezogen. Man könnte auch sagen: verstossen worden. Denn nachdem die Papierfabrik nach rund 94 Jahren keine Verwendung mehr dafür hatte, verschenkte sie den einzigartigen Zeitzeugen an eine Museumsbahn in der Nordostschweiz. Doch in deren Auftrag ist sie nie gefahren. Seit dem Winter 2014 befindet sich das gelbe Bähnli nämlich in Frauenfeld buchstäblich auf dem Abstellgleis. Wie konnte es nur so weit kommen?

Die Recherche führt in Bähnlerseelen. Wie die von Jürg Stauffer. Auf dem Areal seiner Firma, die mit Schienenfahrzeugen handelt, steht die gelbe Lokomotive. Auf die schriftliche Frage nach einem Termin für ein Telefonat antwortet er mit einer rührenden Abhandlung über seine Beziehung zu «Marie», wie die Lokomotive einst getauft wurde. Er baute «als damals 26-jähriger Werkstattleiter» eine neue Bremsanlage in die Lok ein. Das muss 1994 gewesen sein, wie auf der Chamer Erinnerungsplattform www.chamapedia.ch nachzulesen ist. Diese Arbeiten seien nachts ausgeführt worden, damit sie tagsüber eingesetzt werden konnte. Ergreifend pathetisch beschreibt Stauffer seinen Arbeitsethos: «Wir waren jung und haben damals nachts zum gleichen Tarif wie am Tag gearbeitet.» Später lernte er seine Frau kennen, die – Zufall oder Fügung? – für die Papierfabrik arbeitete. «Somit war ich wieder öfter in Cham und habe die Fabrik und die Lok ab und zu gesehen.»

Die Batterien drohten einzufrieren

Nach der Übernahme der Lok durch die Museumsbahn Etzwilen-Singen im Jahr 2014 habe Stauffer die neuen Eigentümer auf das «Gefahrenpotenzial» dieses besonderen Fahrzeugs mit 340 Volt Gleichstrom aufmerksam gemacht. Die Batterien bedürften besonderer Pflege, «damit sie nicht irreparable Schäden erleiden». Doch nötige Installationen hätten gefehlt, um das Original-Batterie-Ladegerät zu betreiben. Deren Anschaffung sei für die Museumsbahn zu teuer gewesen. «Kurz vor Wintereinbruch 2014», so erinnert sich Stauffer genau, «erhielt ich eine Nachricht von Herrn Joos, dem damaligen Präsidenten der Museumsbahn. Er bat uns, die Lok so rasch wie möglich zu holen, da sonst die Gefahr bestünde, dass die Batterien einfrieren.» Der erwähnte Ex-Vereinspräsident Beat Joos weilt gegenwärtig im Ausland und war nicht für eine Auskunft erreichbar.

Seit jenem Schicksalswinter 2014 steht das Papieribähnli also in Frauenfeld, wo es nach Instandstellung durch Stauffer als Werklokomotive dient. Es wird auf der Homepage der Firma angeboten. Auf Nachfrage teilt Stauffer mit, dass sie gemietet werden kann (6000 Franken monatlich), oder aber gekauft: 85 000 Franken beträgt der Preis – exklusive Mehrwertsteuer, jedoch inklusive Transport. Den Hinweis, dass sich diese Preise an kommerzielle Interessenten richten, könnte man als eine Verhandlungsmöglichkeit für Liebhaber interpretieren. Stauffer macht keinen Hehl daraus, dass er die Lokomotive am liebsten an einem Platz sehen würde, wo sie «würdig und vernünftig» eingesetzt werden könnte. Was ihm vorschwebt? «Aus meiner Sicht gehört sie am ehesten nach Cham, wo sie, allenfalls in ein Projekt integriert, als Industriezeuge/Denkmal fungieren kann.»

Keiner wollte die Lokomotive haben

Diese Überlegung teilt Daniel Widmer. Der Eisenbahnfreund – ebenfalls aus dem Thurgau – verfolgt den Weg des Chamer Papieribähnlis aufmerksam. Er habe das Zuger Depot Technikgeschichte in Neuheim angefragt, ob es die Lokomotive nicht «retten» will, aber eine abschlägige Antwort erhalten. Auch das Verkehrshaus hatte keine Verwendung für die gelbe Lokomotive, wie unsere Zeitung im Juli 2014 in Erfahrung brachte.

Widmer gerät ins Sinnieren, wenn er sich die jüngere Geschichte des Papieribähnlis vor Augen führt: «Was mit dieser Lok passiert ist, ist himmeltraurig. Das hat ‹Marie› nicht verdient.»


Leserkommentare

Anzeige: