Ein Leben mit Krämpfen: Sonja Casutt blickt schreibend zurück

ZUG ⋅ Die dunklen Jahre sind bei Sonja Casutt vorbei. Endlich hat sie für ihre fast unerträglichen Beschwerden die richtige Therapie gefunden – und darüber ein Buch geschrieben.
12. Oktober 2017, 04:00

Monika Wegmann

redaktion@zugerzeitung.ch

Wie hat sie das nur überstanden? Diese seit dem 17. Lebensjahr immer wiederkehrenden Anfälle, die Sonja Casutts Körper in einen Krampfzustand versetzen, sodass sie nichts mehr tun oder reden kann. Sie stellte fest, dass Ärzte und Pflegepersonal mit ihren speziellen Beschwerden oft überfordert waren. Man behandelte sie irrtümlich als Epileptikerin und wies sie öfter zwangsweise in die Psychiatrie ein. So verbrachte die Zugerin über Jahre viele Aufenthalte in Kliniken.

Im Gespräch mit unserer Zeitung sagt die 55-Jährige diese Woche mit strahlendem Lächeln: «Heute geht es mir gut. Ich bin genesen, auch wenn die Krankheit latent noch vorhanden ist. Dank der Traumatherapie habe ich herausgefunden, welche Auslöser der Krämpfe ich möglichst vermeiden muss.»

Jahrelanger Weg zur Diagnose

Doch es ging über 30 harte Jahre bis zur Diagnose, dass sie – trotz der Ähnlichkeit der Anfälle – keine Epilepsie hatte. Bei einem Klinikaufenthalt hatte eine andere Patientin sie auf die Traumatherapie-Klinik aufmerksam gemacht, in der es ähnliche Fälle gebe. Und dort ging für Sonja Casutt endlich eine Türe auf, und sie erhielt neben der Diagnose und Traumatherapie die nötige fachliche Hilfe für ihre seltene Krankheit. «Hier fühlte ich mich erstmals von allen ernst genommen. Diese zweimal dreimonatigen Aufenthalte in der Spezialklinik haben mein Leben komplett verändert. Ab dann ging es dann in die richtige Richtung.» Wie sie erfuhr, seien frühkind­liche Traumata für ihre Beschwerden verantwortlich. Da sie auch heute weiterhin vorsichtig mit Belastungen umgehen muss, ­besucht sie regelmässig die Trauma­therapie.

Ihren mühsamen Weg hat Sonja Casutt im Buch «Warum habe ich nichtepileptische Krampfanfälle?» verarbeitet. Das 219-seitige Werk ist aus Tagebüchern und Notizen entstanden und mit Bildern und medizinischen Details und Links ergänzt. Es berührt durch seine Ehrlichkeit; gleichzeitig erstaunen die medizinischen Kenntnisse der Autorin über ihre Krankheit. «Die habe ich mir durch Weiterbildung in der Klinik erworben.»

Es ist erstaunlich, dass Sonja Casutt an ihrem schweren Schicksal nicht zerbrochen ist. Mehrmals habe sie an Selbstmord gedacht und einmal probiert, gibt sie zu und ergänzt: «Zum Glück habe ich überlebt. Die Kinder sind heute extrem dankbar, dass es mir wieder gut geht. Drei Sachen haben mir damals weitergeholfen: die Kinder, die Musik sowie das Tanzen.»

Sonja Casutt ist überzeugt, dass es sich lohnt weiterzuleben, auch wenn man harte Zeiten durchstehen muss. Man spüre das auch in ihrem Buch. «Das Schreiben war ein schmerzhafter Prozess. Doch so konnte ich die schwierige Zeit besser verarbeiten. Jetzt habe ich mein Leben, bei dem ich die Grenzen täglich auslote, im Griff und bin dankbar, dass es mir gut geht.» Im Buch zeigt Sonja Casutt auch auf, dass sie Strategien gelernt hat, mit der seltenen Krankheit umzugehen. Sogar Fachleute aus dem Ärzte- und Pflegebereich hätten sich jetzt für ihre Ausführungen interessiert.

Ein Pseudonym zum Schutz der Familie

Die Idee zum Buch kam aus ihrem Umfeld. «Wenn ich meine Geschichte erzählte, hiess es immer wieder: Warum schreibst du das nicht auf?» Per Zufall sei sie auf Edition Unik gestossen, die beim Aufschreiben von Erinnerungen Unterstützung leistet. «Mit deren Hilfe ist das Buch innert 17 Wochen entstanden.» Danach hätten ihre Kinder, Ärzte und Therapeuten sowie Freundinnen erste Leseproben er­halten. «Aufgrund der Rück­meldungen wurden gewisse persönliche Sachen zu Liebe, Ehe und Kindern herausgenommen, um Beteiligte zu schützen. Das Pseudonym Mary Rose W. wählte ich, um meine Familie zu schützen», betont Sonja Casutt. Aus bestimmtem Grund könne sie erst jetzt ihre Identität bekannt geben.

Sie ist selber die Herausgeberin

Sie verhehlt aber nicht, dass keiner der angeschriebenen Verlage das Buch nehmen wollte. In dieser Zeit sei sie auf Books on Demand gestossen, wo man zu geringen Kosten selber als Herausgeber auftreten kann. Trotz ihres niedrigen Einkommens aus IV-Rente und Pensionskasse ist sie mit ihrem Leben heute zufrieden. Und das strahlt sie auch aus. Der Alltag ist klar strukturiert: «Zwei Tage arbeite ich im Kunstatelier Kubeis. Daneben leiste ich Freiwilligenarbeit, so beim Seniorentanz der Pro Senectute, bei der Zeittauschgenossenschaft Kiss, bei der Arbeitsgemeinschaft für Menschen mit Behinderung (AMB) und der Pflege des Vaters.» Demnächst wird es die eine oder andere Lesung geben, wie bei der Stiftung Phönix am Freitag. Mit ihrer persönlichen Geschichte hat sie gelernt, die Krankheit in ihr Leben zu integrieren.

Hinweis: Bei der Stiftung Phönix, Industriestrasse 55, Zug, findet morgen Freitag von 16 bis 19 Uhr eine Lesung von Sonja Casutt aus ihrem Buch «Mary Rose W. Warum habe ich nichtepileptische Krampfanfälle?» statt. Books on Demand: ISBN: 978-3-7431-8279-0.


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