Dem Tod die Schwere genommen

STEINHAUSEN ⋅ Die moderne künstlerische Teilgestaltung des 400-jährigen Beinhauses orientiert sich an dessen ursprünglichen Funktion – nimmt ihm jedoch die einstige Düsterheit.
15. November 2017, 07:17

Andreas Faessler

andreas.faessler@zugerzeitung.ch

Bis Anfang des 20. Jahrhunderts erfüllte das 1611 erbaute und ­geweihte Beinhaus «Unserer lieben Frau» in Steinhausen seine eigentliche Funktion: Die menschlichen Überreste aus aufgelassenen Friedhofsgräbern wurden hierher verbracht und aufbewahrt. Danach fristete die schlichte Totenkapelle mit ihren zwei grossen Rundbögen über Jahrzehnte ein eher unscheinbares Dasein im Schatten der Pfarrkirche St. Matthias. Ab 1977 war das Beinhaus verschlossen. Im Jahre 2011 – exakt 400 Jahre nach seiner Erbauung – wurde das schmucke Kirchlein im Rahmen der Gesamtrenovation des Kaplanenhauses «aufgefrischt», umgestaltet und der Öffentlichkeit wieder zugänglich gemacht. Man entfernte den marmorierten Altar, die bildlichen Darstellungen aus dem 19. Jahrhundert sowie die Kreuzigungsgruppe. Der ursprüngliche Altar aus Stein wurde wieder freigelegt und der gesamte Raum bezüglich Ausstattung auf ein Minimum reduziert. Seither lebt er wieder hauptsächlich durch seine Proportionen und das einfallende Licht.

Um dem Inneren des Beinhauses einen stimmigen, künstlerischen Akzent zu geben, schrieb der Kirchenrat einen Wettbewerb aus. Drei Kunstschaffende reichten je einen Entwurf ein, von denen schliesslich nach längerem Abwägen derjenige des Luzerner Künstlers Benno Karl Zehnder ausgewählt wurde. Zehnder war von 1997 bis 2006 Dozent an der Hochschule für Kunst und Gestaltung Luzern.

Sein Konzept sind zwei einander gegenüberliegende Felder aus geschichteten Mineralfarben – eines an der Altarwand, eines an der Rückwand. Ersteres zeigt in zartem Blau abstrahierend einen Wolkenhimmel. Es umspielt den steinernen Altar. Bildhafter hingegen ist die Rückwand gestaltet. In dunklerem Blau, das bereits in einen Violettton übergeht, stellt Zehnder ein Motiv der Vergänglichkeit dar. Konturenhaft – und doch deutlich erkennbar – sind im unteren Bereich Gebeine dargestellt. Die Striche, die sie umgeben, lassen Erdreich vermuten – Tod und Begraben. Im oberen Bereich scheint die Seele in Gestalt eines geflügelten Wesens gegen den Himmel aufzusteigen. Aus Sicht des Betrachters lässt sich die Darstellung – vielleicht je nach Gemütslage – auch in umgekehrter Richtung lesen: Lebendes wird zu Totem.

Benno Karl Zehnders Wandmalereien stehen in einem freundlichen, fast wohltuenden Kontrast zum schlichten, spätmittelalterlich anmutenden Raum des Steinhauser Beinhauses. Sie nehmen diesem eigentlichen Ort des Todes jegliche Schwere und Düsterheit.


Leserkommentare

Anzeige: