Der dreckigste Ort im alten Zug

ZUG ⋅ Die Entsorgung von Fäkalien und organischen Abfällen war bis ins 19. Jahrhundert eine stinkende und aus heutiger Sicht ekelerregende Angelegenheit. In der Altstadt von Zug ist das «Abwassersystem» von einst noch gut sichtbar.
03. Januar 2018, 09:21

Andreas Faessler

andreas.faessler@zugerzeitung.ch

Beachtet man die«Naht» zwischen Rathaus und «Rathauskeller» genau, erkennt man eine hölzerne Tür, welche den schmalen Spalt zwischen den beiden historischen Gebäuden verschliesst. Früher war dieser enge Durchgang offen und für die Schlanken unter uns vom Fischmarkt her zugänglich. Wenigen ist heute bewusst, dass diese unscheinbare, überaus schmale Gasse einst eine der wichtigsten Funktionen in einer mittelalterlichen Stadt wie Zug hatte – es war faktisch das Abwassersystem.

 

Im historischen Stadtkern von Zug ist diese Anlage T-förmig. Die parallel zum See angelegte Häusergruppe zwischen der Unteren und der Oberen Altstadt birgt in ihrer Mitte beidseits des Schwanenplatzes eine solche Abwassergasse. Mit jeweils einem leichten natürlichen Gefälle führt sie vom Rathaus respektive zirka von da, wo heute der Gret-Schell-Brunnen steht, zum Schwanenplatz hin, wo die Kloake anschliessend über ein weiteres Gefälle zum See hin abfliessen konnte. Die althergebrachte Bezeichnung für so ein Abwassersystem von einst lautet «Ehgraben». Aus dem Mittelhochdeutschen stammend, ist der egrabe (auch ewegrabe) ein per Vertrag angelegter Wasser- oder Grenzgraben. Das «e» war rechtlich festgesetzt und leitet sich von der Bedeutung «seit eh und je» ab – einfach gesagt steht «e» für Gesetz. Diese gesetzlich angelegten Gräben waren ursprünglich Grundstücksgrenzen und dienten oft auch als Abflussrinne. Diese Doppelfunktion fällt in den meisten Fällen auch den Abwassersystemen, den Ehgräben, zu, da sie Liegenschaften an der gemeinsamen Rückseite voneinander abgrenzen. Freilich nannte und nennt man sie im Volksmund nicht so, sondern etwa «Schissigässli» oder ähnlich. Das hat sich in mancher alten Schweizer Stadt durchgesetzt, so auch in Zug.

Das klingt nicht appetitlich. War es auch nicht. Wie also wurde diese Anlage genutzt? Über dem Graben an der Rückseite der Gebäude waren «Schisshüsli» angebracht mit einem Loch, durch das die Exkremente in den Ehgraben fielen. Nachtgefässe wurden ebenso hierhin entleert und vor allem auch Küchenabfälle, die man aus dem Fenster kippte. Die flüssigen Bestandteile flossen in Zug über das Gefälle zum Schwanenplatz hin ab. Feststoffe wurden regelmässig mit Stroh gebunden, um den Dreck später als Dünger auf den Feldern oder in Weinbergen und Gärten zu verwenden. Für die Räumung der Ehgräben waren die Anstösser abwechselnd verantwortlich. Sie beauftragten die «Ehgraben-Räumer» mit der Säuberung. Wahrlich keine schöne Aufgabe. Vielerorts pflegte man es, Schweine durch die Gräben zu jagen, damit sie essbare Abfälle auffutterten und so bei der Entsorgung mithalfen. Aus Zug ist überliefert, dass jeweils ein Ferkel im Ehgraben auf und ab lief, um Essbares zu verwerten. Dies so lange, bis es zu dick war und sein «Amt» an eine schlankere Sau abtrat. Generell galt in den Städten – so beispielsweise in Bern – einfach die Vorschrift, dass sich ein einjähriges Schwein problemlos im Ehgraben umdrehen können musste.

Es ist selbstredend, dass die «Schissigassen» im Mittelalter nicht nur eine Quelle entsetzlichen Gestankes waren – deshalb hatten die Rückseiten der Gebäude nur wenige Fenster –, sondern sie waren auch dauerhaft ein potenzieller Seuchenherd, wo sich Erreger tummelten. Krankheiten wie Cholera, Typhus oder Ruhr traten immer wieder auf. Ehgräben waren in den Schweizer Städten teilweise bis ins späte 19. Jahrhundert in Betrieb, ehe sie endlich mit fortschrittlicheren Abwassersystemen ersetzt wurden.

Das Zuger «Schissigässli» ist eindrücklicher Zeuge des einstigen Entsorgungssystems der Stadt. Beidseits des Schwanenplatzes gewährt je eine Gittertür bis heute Einblick in die enge Häuserschlucht mit ihrem leichten Gefälle. Der Boden ist sauber ausbetoniert, sodass Regenwasser von den Dächern zügig abfliessen kann.

Hinweis

Mit «Hingeschaut» gehen wir Details mit kulturellem Hintergrund und Zuger Bezug nach. Frühere Beiträge finden Sie online unter www.zugerzeitung.ch/hingeschaut.


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