Der Rucksack als steter Begleiter

ZUG ⋅ Sebastian (31)* hat keine feste Anstellung und kein Dach über dem Kopf. Er ist im öffentlichen Raum unterwegs und lässt sich in kein Muster drücken. Er hat einen grossen Traum. Diesem steht aber noch etwas im Wege.
18. Juni 2017, 05:00

Marco Morosoli

marco.morosoli@zugerzeitung.ch

Er ist gross gewachsen, hat einen festen Händedruck und ein gepflegtes Aussehen – also nichts Aussergewöhnliches. Doch Sebastian*, wir nennen ihn aus Datenschutzgründen so, ist einer von rund 15 Obdachlosen, die im Kanton Zug leben. Der 31-Jährige ist in Baar geboren. Seine Eltern trennen sich, als er neun Jahre als ist. Von der zweiten bis zur sechsten Primarschulklasse lebt er in einem Heim. Abwechslungsweise verbringt er die Wochenenden beim Vater oder bei der Mutter.

Später zieht er zum Vater in einen anderen Kanton und besucht dort die Realschule. Nach der obligatorischen Schulzeit beginnt er aber nicht, wie viele seiner Alterskollegen, eine Lehre. Er geht zur Arbeit auf den Bau. Das bringt Geld und geht zwei Jahre gut, doch sein Arbeitgeber macht Konkurs.

Weder ein Dach über dem Kopf noch einen Job

«Dann ist es losgegangen», sagt Sebastian. Mit 16 Jahren zieht er bei seinem Vater aus und kommt bei der Freundin unter. Als die Beziehung in die Brüche geht, steht er auf der Strasse. Sebastian taucht in Zürich in der Punk-Szene ab: «Ich habe in dieser Zeit oft in besetzten Häusern oder im Schlafsack irgendwo genächtigt.» Er ist ein ruheloser Mensch, bleibt nirgends für länger sesshaft: «Ich habe oft zwischen Zürich, Zug und Luzern gependelt.» Er lebt vom Betteln und vom Musikmachen. Bei Letzterem habe er an einem Tag einmal 360 Franken verdient. Ein regelmässiges Einkommen hat er ebenso wenig wie ein Dach über dem Kopf. Das Betteln gibt er irgendwann auf, wann, weiss er nicht mehr. Seine Leidenschaft für die Musik bleibt aber. Stolz erzählt er, dass er bereits mit sechs Jahren Schlagzeugunterricht genommen hat. Auch in die Jazzschule in Luzern sei er gegangen: «Ohne Musik wäre ich nicht mehr hier, sondern wäre seit zehn Jahren tot. Die Musik gibt mir für mein Leben Halt und auch Energie.»

Eine Wohnung hat Sebastian aber immer noch nicht: «Ich habe ab und an im Proberaum der Band geschlafen, für die ich gespielt habe.» Manchmal kommt er auch bei Kollegen unter: «Aber rund drei Viertel des Jahres lebe ich unter dem freien Himmel.» Zu Geld kommt er durch Gelegenheitsarbeiten bei Kollegen.

Sebastian erzählt sein Leben in Puzzleteilen, die sich im Verlaufe des Gesprächs zu einem stimmigen Ganzen zusammenfügen. Er ist eine ehrliche Haut, sagt freimütig, dass er oft hintergangen worden sei. Ein zentraler Punkt in seiner Lebensphilosophie ist die Freiheit, die er sich nicht nehmen lassen will. Auf die Frage, ob er denn nie um Sozialhilfe nachgesucht habe, sagt er: «Ich habe einmal einen Job gefunden und in einem Notzimmer für 540 Franken gelebt.» In dieser Zeit habe er als Eisenleger gearbeitet: «Ich war am Abend total kaputt. In diesem Zustand hätte ich auch noch eine Wohnung suchen müssen.» Und hier drückt sein Problem mit Autoritäten durch: «Ich habe dann das Spiel mit dem Sozialamt nicht mehr mitgemacht.» Die Konsequenz: Er verliert die Unterstützung. Sebastian kann trotz mehrmaligem Nachfragen nicht mehr sagen, in welcher Gemeinde er zuletzt gemeldet war. Er erzählt aber, dass er schon einmal drei Tage im Gefängnis gewesen sei, da er eine Busse wegen Nichtanmeldung nicht beglichen habe. Ein anderes Mal ist er beim Kiffen erwischt worden. Der Zuger Polizei stellt er aber trotzdem ein gutes Zeugnis aus: «Viele Polizisten kennen mich wegen Hausbesetzungen oder der Teilnahme an Demonstrationen. Aber sie lassen mich in Ruhe.» Es gäbe nur zwei, drei Ordnungshüter, die ihn plagen würden.

Sebastian stört eines im Leben: «Immer wieder haben mir Leute gesagt, was ich machen soll. Das will ich nicht.» Viele Sachen in der heutigen Gesellschaft ergeben für ihn keinen Sinn. Der 31-Jährige hält sich gerne im und ums Zuger Podium 41 auf. Er ist immer mit einem Rucksack unterwegs. Seine restliche Habe hat er irgendwo eingelagert. Dankbar ist er, dass er bei der Mutter waschen kann. Sein Verhältnis zu ihr bezeichnet er als «gut», ohne in die Details zu gehen. Auch die Post geht an deren Adresse. Aber gleichzeitig betont er einmal mehr: «Autonomie ist mir wichtig. Ich will meine Freiheit leben.» Dazu brauche er nicht viel. Kleider habe er genug. Nur ab und an müsse er Schuhe kaufen. Er isst sechsmal in der Woche in der Gassenküche. Dort kostet ein Mahl 5 Franken: «Wenn ich nicht arbeite, reicht mir das vollkommen.» Auf seinen Streifzügen durch den öffentlichen Raum in der Stadt Zug trifft Sebastian oft auf Menschen, die sein Schicksal teilen. Nach Zürich fährt er inzwischen nicht mehr: «Diese Stadt habe ich gesehen.» Das hat damit zu tun, dass er dort viel Trauriges miterlebt hat.

Auftritte und eine feste Bleibe in Aussicht

Viel lieber beschäftigt er sich mit der Musik. Er hat Anschluss an eine neue Band – die dritte in seinem Leben – gefunden. Dort ist er Sänger und spielt auch Schlagzeug. Er freut sich darauf, bald in der Region auftreten zu können. Die Engagements geben ein wenig Geld. Derzeit beschäftigt er sich auch mit einem anderen Projekt. Er hat von einer Person einen Wohnwagen zur Nutzung erhalten. Aber noch ist er – und mit Hilfe der Gassenarbeiterin Sara Heine von Punkto – auf der Suche nach einem Stellplatz. Das Problem ist: Reicht ein solcher Aufenthaltspunkt für die Begründung eines Wohnsitzes? Die Idee mit dem Wohnwagen findet er eine Wucht. Es würde für ihn ein Traum in Erfüllung gehen. Während Sebastian das sagt, dreht er sich eine Zigarette. Er wird sie sich anzünden, wenn er wieder draussen in der Freiheit ist.

Hinweis

* Sebastian ist ein erfundener Name. Sein richtiger Name ist der Redaktion bekannt.


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