Der Zuger und sein Hermes

KUNST ⋅ Das Kunsthaus Zürich besitzt eine Marmorskulptur Ludwig Keisers. Sie gilt als besonderes Werk im Schaffen des Zuger Bildhauers, der enger Mitarbeiter eines grossen Meisters seiner Zeit war.
13. September 2017, 07:05

Andreas Faessler

andreas.faessler@zugerzeitung.ch

In der Sammlung des Zürcher Kunsthauses fällt in den labyrinthartig angeordneten Räumen ein Exponat besonders ins Auge – eine Knabenfigur, die auf dem Rücken einer Schildkröte sitzt. Diese schaut ziemlich grimmig drein. Ob sie nur genervt ist ob des Störenfriedes oder ob sie bereits weiss, dass sie gleich sterben wird? Der Knabe ist kein geringerer als der junge Hermes, der olympische Gott der Reisenden, Kaufleute, Hirten oder Diebe. Die Mythologie erzählt, dass Hermes noch am ersten Tag seine Geburtsstätte verliess, als Erstes auf eine Schildkröte traf und diese tötete, um aus ihrem Panzer eine Lyra zu basteln. Den Moment davor stellt die Marmorskulptur im Kunsthaus Zürich dar. Der als listig und schelmisch geltende Hermes sitzt auf dem armen Tier, grinst keck und beobachtet, wie die Schildkröte reagiert. In der einen Hand hält er bereits den Dolch, mit dem er das Tier gleich erlegen wird. Die Flügelchen an Hermes’ Helm sind ein typisches Attribut des griechischen Gottes.

 

Die Ausdrucks- und Aussagekraft der hochfein gearbeiteten Marmorplastik, die perfekten Proportionen und die ganze Dynamik lassen auf einen Urheber schliessen, der ein ausgewiesener Meister seines Fachs gewesen sein muss. Und das war Ludwig Keiser tatsächlich. Im Jahre 1878 schuf der Zuger Bildhauer «Hermes auf der Schildkröte». Keiser greift bei dieser Arbeit auf die Formensprache des Klassizismus zurück, von der er sich ansonsten weitgehend gelöst hatte. Da es sich um ein freies Werk Keisers handelt, erkennt man in den Zügen der Skulptur eine grössere Spontaneität als bei seinen Auftragswerken.

Ludwig Keiser, 1816 in Zug geboren, entstammt einer Zuger Künstlerfamilie. Sein Bruder Hans war ebenfalls Bildhauer, Bruder Josef führte die Hafnerei Keiser, von der noch heute eine Reihe prächtiger Kachelöfen existieren. Ludwig Keiser arbeitete in jungen Jahren in der Barockstadt Solothurn und danach in München als Stuckateur, ehe er ab ­ 1837 im Atelier des bedeutenden Bildhauers Ludwig Michael von Schwanthaler (1802–1848) eintrat und dessen vertrauter Mitarbeiter wurde. Keiser galt und gilt als Schweizer Vertreter der Schwan­thaler-Schule. 1853 gewann Keiser den Künstlerwettbewerb für das Winkelried-Denkmal in Stans. Zu seinem Verdruss entschied man sich am Schluss dennoch für einen anderen Entwurf.

Namhafte Hinterlassenschaften Keisers in der Öffentlichkeit sind die Oekolampad-­Figur am Basler Münster oder ­diejenige Ulrich Zwinglis am Oskar-Reinhart-Museum in Winterthur. Die Liebfrauenkirche Zug birgt eine Statue der heiligen Agatha sowie zwei Altarvasen und die Pfarrkirche Unterägeri Darstellungen von Moses und Johannes.

Hinweis

Mit «Hingeschaut» gehen wir Details mit kulturellem Hintergrund und Zuger Bezug nach. Frühere Beiträge finden Sie online unter www.zugerzeitung.ch/hingeschaut.


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