Die Mädchen sind an der Kanti in der Überzahl

ZUG ⋅ An den Zuger Kantonsschulen sind im Sommer deutlich mehr Mädchen als Buben gestartet. Seitens der Schule sieht man deshalb noch keinen Handlungsbedarf. Anpassungen gibt es trotzdem.
08. Oktober 2017, 10:02

In der Berufswelt oder der Politik ist die Zahl der Frauen immer wieder ein Thema. Eine Frauenquote für den Bundesrat, für Verwaltungsräte oder für Kaderpositionen wird heiss diskutiert. Im Bildungsbereich sieht es etwas anders aus. Unter anderem bei den Quoten an den Mittelschulen. In vielen Kantonen sind dort die Mädchen bereits seit einiger Zeit in der Überzahl.

Der Kanton Zug stellte bislang eine Ausnahme dar. Die Verteilung von Mädchen und Buben war ausgeglichen. Doch mit dem neuen Schuljahr hat sich dies geändert. In der ersten Klasse der Kantonsschulen am Lüssiweg in Zug sind im Sommer 106 Mädchen und 89 Buben ins Schuljahr gestartet. Der Mädchenanteil liegt damit bei rund 54 Prozent.

«Guten Noten gelten als uncool»

An der Kantonsschule Zug hat man die Zahlen zur Kenntnis genommen. Die Ursachen für den Umschwung sind laut Direktor Peter Hörler jedoch bisher nicht bekannt. Katarina Farkas, Deutschdozentin und Leiterin Fachstelle Diversity an der Pädagogischen Hochschule Zug, kennt mögliche Erklärungen: «Ein Blick in Schulstatistiken bestätigt, dass Mädchen in Volksschule und Sekundarstufe II erfolgreicher sind als Knaben. Mädchen besuchen anspruchsvollere Schulen (Kantonsschule) und erzielen höherwertige Abschlüsse (Matura).» Ein Grund dafür könne die unterschiedliche Entwicklungsgeschwindigkeit sein. Mädchen seien den Jungen bis zu zwei Jahre voraus. Es gebe aber auch gesellschaftliche Faktoren, die einen Einfluss hätten. «Intelligente Jungen entsprechen nur der Idealvorstellung, wenn sie gleichzeitig auch sportlich sind.» Um in gewissen Kreisen akzeptiert zu werden, würden sich einige Jungen bewusst keine Mühe in der Schule geben. «Gute Noten gelten als uncool. Bei Mädchen sind gute Noten besser akzeptiert», so Farkas.

Kein Grund zur Besorgnis

Trotz dieser Entwicklung sieht Peter Hörler derzeit keinen Grund zur Besorgnis. Natürlich werde er das Thema weiter aufmerksam verfolgen. Schliesslich sei ein ausgewogener Mix zwischen Mädchen und Buben das Ziel jeder Schule. «Jetzt aber bereits Massnahmen zu ergreifen, scheint uns verfrüht», so Hörler. Bildungsdirektor Stephan Schleiss (SVP) geht davon aus, dass sich der Kanton Zug dem gesamtschweizerischen Trend angeglichen habe. Es sei eine Entwicklung, die man sicher im Auge behalten und zu gegebener Zeit dagegen vorgehen müsse. Mädchen und Buben würden sich bekanntermassen tendenziell für unterschiedliche Themen im Schulstoff begeistern. «Es ist daher von Interesse, ob sich die Gewichte der Fächer im Schulstoff verändert haben – und wie man im Rahmen des Übertrittsverfahrens darauf reagieren kann», führt Schleiss aus. Daneben erachtet er auch den Unterricht als wichtig. «Ich kann mir gut vorstellen, dass viele Knaben im Schnitt mehr Ansporn und Wettbewerb brauchen, um zu Höchstleistungen aufzulaufen.» Das sei mit Blick auf das selbst organisierte Lernen wichtig. «Ist das eine Methode, bei der die Intelligenz der Knaben zum Zuge kommt oder bei der ihnen der fehlende Fleiss einen Strich durch die Rechnung macht?», führt Schleiss aus.

In gewisser Hinsicht hat man an der Kantonsschule dennoch reagiert. So werden in der Unterstufe ab diesem Schuljahr Wahlpflichtfächer angeboten, die vor allem auch Buben ansprechen sollen wie das Fach Programmieren und Technik oder das geometrische Praktikum. Diese Wahlbereiche sind laut Hörler aber nicht in erster Linie eingeführt worden, um mehr Buben an die Schule zu holen. «Sie sind im Zuge der Diskussion um die Stärkung der technischen Fächer, der sogenannten Mint-Fächer, entstanden.» Ziel sei durchaus, auch Mädchen für die Bereiche Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik zu begeistern.

Samantha Taylor

samantha.taylor@zugerzeitung.ch


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