Die Sonne lacht meist ungenutzt

ERNEUERBARE ENERGIEN ⋅ Am kommenden Mittwoch ist die Sommersonnenwende und damit wenigstens theoretisch der Hochtag der Solarstromproduktion. Wie steht es gegenwärtig im Kanton Zug darum? Ein Überblick.
18. Juni 2017, 12:47

Raphael Biermayr

raphael.biermayr@zugerzeitung.ch

Stell dir vor, es ist Weltrettung, und keinen interessiert’s. Klar, dieser Satz ist plakativ. Aber wer sich dieser sonnigen Tage mit dem Thema Fotovoltaik auseinandersetzt, sieht sich schnell mit diesem Gedanken konfrontiert. Das gilt für die Schweiz genauso wie für den Kanton Zug. Hier sind zwar verhältnismässig viele Elektroautos unterwegs, die aber ironischerweise wohl zu einem Gutteil mit sogenanntem «dreckigen Strom» betankt werden, Strom aus Kernenergie also.

Nach Angaben von Beatrice Bochsler könnte «rund ein Drittel» des gesamten Strombedarfs im Kanton über Fotovoltaikanlagen (FVA) auf Dächern gewonnen werden. «Gegenwärtig generieren solche Anlagen gerade einmal 1 Prozent», sagt die Projektleiterin Erneuerbare Energien/Klimaschutz beim Kanton Zug. Sie bestätigt die naheliegende Annahme, dass Sonnenenergie die wichtigste hiesige Quelle für Strom darstellt. Trotz des brachliegenden Potenzials: Bochsler hat festgestellt, dass die Bevölkerung dem Thema offen gegenübersteht.

Paul und Paula Stirnimann aus Cham sind ein Beispiel dafür. Sie haben das Dach ihres 3-Parteien-Hauses in Cham mit einer FVA bestückt, seit der laufenden Woche ist die Anlage in Betrieb. Sie seien umweltbewusst, «wir zählen uns aber nicht zu den Grünen. Wäre das Dach nicht sanierungsbedürftig gewesen, hätten wir wohl keine Anlage installiert», sagt Paul Stirnimann offen. «Doch nachdem wir uns informiert hatten, fanden wir, das ist eine gute Idee», führt er aus.

Verschiedene Förderbeiträge

Rund 30000 Franken hat diese Anlage «aus dem höheren Preissegment» gekostet. Sie ist ins Dach integriert und damit von aussen kaum wahrzunehmen. Er hatte verschiedene Offerten eingeholt, letztlich machte die ortsansässige Schuler+Helfenstein AG das Rennen. «Als Einzige informierte sie uns über Förderbeiträge», nennt Stirnimann den Grund dafür. «Das ist ein zentraler Punkt der Beratung», sagt der Geschäftsinhaber, Erich Schuler.

Es stehen mehrere Fördertöpfe zur Verfügung. Auf Bundesebene ist eine Einmalvergütung erhältlich, deren Höhe sich nach der Leistung der Anlage richtet. Stirnimanns Anlage produziert auf rund 35 Quadratmetern maximal 6000 Kilowattstunden pro Jahr. Das entspricht etwas mehr als dem Bedarf eines durchschnittlichen Schweizer 4-Personen-Haushalts im Eigenheim (etwa 4500 Kilowattstunden). Vom Bund erhalten die Stirni­manns dafür rund 5000 Franken, von der Gemeinde Cham rund 1800 Franken erstattet – total entspricht das über 20 Prozent der Anschaffungskosten.

Für die Wasserwerke Zug bedeutet die Selbstversorgung eine Konkurrenzierung. Wenngleich der Zuger Energieriese, der nach eigenen Angaben über 80 Prozent des Stroms im Kanton liefert, dank des von ihm unterhaltenen Netzes auch davon profitiert. «Der Eigenverbrauch wird weiterhin stark zunehmen, das hat auch das Abstimmungsergebnis vom 21. Mai gezeigt. Die WWZ unterstützen diese Entwicklung», sagt Robert Schürch, Leiter Verkauf und Energiewirtschaft und Mitglied der Geschäftsleitung.

Natürlich erkennen die WWZ in der Selbstversorgung auch ein Geschäft: Da die Sonne in der Schweiz bekanntlich nicht das ganze Jahr und auch nur tagsüber scheint, ist sie ein unsicherer Stromlieferant. «Die Stromspeicherung wird immer mehr zum Thema. Wir entwickeln Dienstleistungen dafür. Zum Beispiel ein kombiniertes Angebot aus Fotovoltaikanlage, Batterie und Anschluss für das Laden des Elektroautos», erklärt Schürch.

Es gibt auch die Möglichkeit, den überschüssigen Strom an die WWZ zu verkaufen, die dann wiederum mit mehr «sauberem Strom» in ihrem Netz werben können. Die Stirnimanns in Cham tun das. Sie erhalten gegenwärtig 15,05 Rappen pro Kilowattstunde. Das ist einer der besten Tarife in der Schweiz, bestätigt der Branchenverband Swissolar. Allerdings wird er per 1. Januar 2018 gesenkt – auf wie viel, wird noch nicht veröffentlicht. Die Gründe für die Senkung gemäss Robert Schürch: «Einerseits orientieren wir uns am fallenden Strommarktpreis, andererseits werden Fotovoltaikanlagen und damit die Stromproduktion günstiger.»

Diese Behauptung bestätigt Jules Pikali. Er gilt als Zuger Koryphäe in Sachen erneuerbare Energien. Der Geschäftsführer der Rotkreuzer Energieberatungsfirma Oekowatt ist Beirat im energienetz-zug, der hiesigen öffentlichen Beratungsstelle. Er sagt: «Heutzutage ist die Wirtschaftlichkeit kein Argument mehr gegen die Anschaffung einer FV-Anlage. Wichtig ist aber, einen möglichst hohen Eigenverbrauchsanteil zu erreichen.»

Das heisst, dass man mit der Einspeisung ins Netz der grossen Stromanbieter kein Geschäft macht, sondern – über die ganze Betriebsdauer von mindestens 25 Jahren gerechnet – mit den Minderausgaben dank Eigenproduktion. Pikali behauptet, dass das Potenzial für FVA nicht mehr lange brachliegen wird – aus finanziellen Überlegungen: «Bald werden anstelle von Dachziegeln FV-Module verwendet. Diese erzeugen nicht nur elektrische Energie, sondern sind sehr robust, pflegeleicht und werden immer günstiger.»

Öffentliche Gebäude sind prädestiniert

Ein Hindernis der Solarstromproduktion auf ihrem Weg zur Massentauglichkeit ist die Tatsache, dass sie sich nur an Liegenschaftsbesitzer richtet. Dank Energiegenossenschaften (EG) gibt es aber die Möglichkeit, sich auch als Mieter daran zu beteiligen, indem man sich finanziell verpflichtet, Solarstromgewinnung zu fördern und diesen deutlich teureren Strom zu beziehen. In Risch und im Ägerital gibt es grössere für jedermann offene EG, die FVA auch auf öffentlichen Gebäuden angebracht haben. Diese bilden ein besonders grosses unausgeschöpftes Reservoir an FVA-Flächen. In Rotkreuz sollen die neuen Schulhäuser von Beginn weg mit Dachanlagen bestückt sein, sagt Sandra Hauser, die Präsidentin der Rischer Energiegenossenschaft. Diese wird von der Gemeinde mit einem einmaligen Rahmenkredit von 500 000 Franken unterstützt.

Mehr Professionalität in Energiegenossenschaften

In Neuheim arbeitet die Gemeinde ein Projekt für eine eigene Anlage aus. Das freut Norbert Vasen. Der kürzlich in das Dorf gezogene Holländer blickt auf 26 Jahre Berufserfahrung im Energiebereich. Er war unter anderem im Auftrag der EU in mehreren Ländern tätig und sagt, dass in der wohlhabenden und unabhängigen Schweiz viel mehr möglich wäre in Sachen Selbstversorgung mit Strom und dessen Speicherung. Und dass man mit «mehr Professionalität» in Energiegenossenschaften effizienter arbeiten könne, die heute grösstenteils auf unentgeltlichem Engagement fussen. «Freiwilligenarbeit ist wichtig, aber es braucht Know-how und einen richtigen Businessplan», sagt Vasen. Er ist dabei, eine GmbH zu gründen, die sich um den Aufbau und die Führung von EG kümmert. Darüber hinaus will er selbst in Zug eine EG gründen, die eine Fotovoltaikanlage betreibt.

Unter dem Strich ist klar: Der Antrieb, sich an der Solarenergieproduktion zu beteiligen, ist für Private nach wie vor ideeller Natur. «Wir sind uns bewusst, dass wir mit der Energiegenossenschaft Risch nicht die Welt retten», sagt Sandra Hauser. Wenigstens interessieren sie und ihre Mitstreiter sich dafür.


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