Risch: Die vertriebene und gleichzeitig verehrte Raubkatze

ZUGER WAPPEN (8/11) ⋅ Der Luchs ist heute ein seltenes Wappentier. Dass er den Rischer Schild ziert, hat wohl mit der Jagd und der «Seegfrörni» zu tun. Das Wappen kam in mannigfaltiger Weise daher – und ging sogar eine Zeitlang verloren.
16. September 2017, 04:40

Die Luchsjagd an der Rotkreuzer Fasnacht gilt als Höhepunkt für die Kinder in der fünften Jahreszeit. Seit vielen Jahren macht ein ausgewachsener Luchs mit seinen Jungen jeweils das Dorf unsicher und jagt der Bevölkerung Angst und Schrecken ein.

Wie der Luchs nach Risch und die Gemeinde damit zu ihrem Wappentier und Fasnachtssymbol kam, ist in einem alten Genossenprotokoll überliefert. Die Geschichte, die man den Kindern an der Fasnacht erzählt, kommt nicht von Ungefähr. Es heisst, die Luchse seien früher über den gefrorenen See nach Risch gekommen und hätten bei den Bauern Schaden angerichtet, weshalb man sie vertreiben und zum Teil erlegen musste. Neben Bären, Wölfen und Wildschweinen haben früher offenbar also auch die Raubkatzen mit den charakteristischen Haarpinseln die Gegend im Ennetsee unsicher gemacht, wie im «Wappenbuch des Kantons Zug» nachzulesen ist. In einem Vorwort des besagten Protokolls aus dem Jahr 1700 wird ein «grimmig kalter Winter» um das Jahr 1500 beschrieben. «Allerhand Raubwild» habe sich in der damals noch waldreichen Gegend gezeigt. «Die Hausväter hätten sich ans Werk gemacht, in vielen Jagden dem Wild auf den Leib zu rücken. So äufneten sie aus den Verehrgeldern den Grundstock eines Gemeindevermögens, das sie gemeinsam zu nutzen gedachten», heisst es im Wappenbuch.

Vogteileute griffen zum eigenen Wappenschild

Das Wappen der Gemeinde Risch in seiner heutigen Gestaltung ist seit dem Jahr 1612 nachweisbar – allerdings wechselten die Farbe des Grundes, die Art des Baumes und die Stellung des Luchses zum Teil. Die Vogteileute von Gangolfswil – die Zugerische Vogtei wurde im 18. Jahrhundert auch als Vogtei Risch bezeichnet – haben wohl zu einem eigenen und neuen Wappenschild gegriffen, wie der Ortshistoriker und ehemalige Rektor Richard Hediger im Buch «Risch – Geschichte der Gemeinde» schreibt. Im Gemeindewappen wurde nämlich weder das Pfarreisiegel von Risch, noch das Rittergeschlecht von Buonas oder das ihrer Nachfolger, der Herren von Hertenstein, verewigt.

Am 11. Februar 1798 wurde das Untertanenverhältnis in den Zuger Vogteien aufgehoben. Seitdem hat man das Rischer Wappen öfters ohne Luchs und Baum dargestellt oder den Luchs nur noch als Wappenhalter verwendet. In anderen Worten: Der Schild in seiner ursprünglichen Form ging für eine Zeitlang verloren. Dem Vorkommen des Wappens ist der Rischer Landwirt, Kirchenschreiber und Kantonsrat Georg Weber (1892 bis 1946) in einer ausführlichen Arbeit im Jahr 1922 nachgegangen. Er konnte das Originalwappen schliesslich wieder rekonstruieren: in Gelb auf grünem Boden ein grüner Baum mit rechtsseitig ansteigendem Luchs in Rot. Rechts- und nicht wie heute linksseitig steht der Luchs auch in der Wappenkartusche, die über dem Portal der Pfarrkirche St. Verena in Risch prangt. In dieser Version ist der Luchs übrigens goldfarben, gleicht eher einem Fuchs, und der Hintergrund ist in Rot gehalten. Warum der Luchs die Seite wechselte, weiss niemand. Ob es sich um eine Laune des Künstlers handelte?

Eine Episode aus den Jahren 1731/1732 unterstreicht, wie der Luchs bisweilen auch verehrt wurde. Mehrere Jäger aus dem Ägerital hatten damals Luchskatzen erbeutet und baten an der Gemeindeversammlung vom 20. März 1731 um ein Verehrgeld. Sie wurden geheissen, die «Bälge» zu verkaufen. Hingegen in Gangolfswil erhielten sie einen Betrag. «Daraus geht wenigstens hervor, dass man hierzulande einen solchen Fang gebührend zu schätzen wusste», schreiben die Autoren des Wappenbuchs.

Ein abweichendes Wappen für Gangolfswil

Für Gangolfswil – der Name geriet im Laufe der Zeit zunehmend in Vergessenheit und verschwand durch den Bau des Schlosses Freudenberg an der Stelle des ehemaligen Hofes endgültig – ist übrigens noch ein ganz anderes Wappen überliefert. Vor rotem Hintergrund steht eine Heilige mit Kopfbedeckung, indigoblauem Mantel, Bluse in Purpur und goldenem Rock. In der Hand trägt sie eine Schale oder ein Statussymbol. Die Attribute passen laut Ortshistoriker Hediger zur Heiligen Adelheid von Burgund, der Gattin von Kaiser Otto dem Grossen. Vermutlich war sie Titelheilige der damals noch existierenden Kapelle in Gangolfswil.

Rahel Hug

rahel.hug@zugerzeitung.ch

Der Grafiker

Angelo Gwerder, Jahrgang 1982, ist Künstler und Musiker. Er ist in Hünenberg aufgewachsen und wohnt heute in Luzern.


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