Ein Chor mit «besonderem Spirit»

OBERWIL ⋅ Mit der Aufführung der B-Messe von Franz Bühler (1760-1823) wurde in der Pfarrkirche Bruder Klaus gestern Sonntag ein kleines Stück Musikgeschichte geschrieben.
08. Januar 2018, 07:31

Andreas Faessler

andreas.faessler@zugerzeitung.ch

Man nimmt ein musikalisches Werk grundsätzlich intensiver und mit ganz anderen Ohren auf, hat man die Gewissheit, dass es einerseits seit langer Zeit zum ersten Mal überhaupt wieder gespielt wird. Und andererseits, dass das Werk mit dem Verklingen des letzten Tons bis auf weiteres schon wieder passé ist.

Mit der B-Messe des schwäbischen Komponisten Franz Bühler (1760–1823) wurde gestern Abend an der 20. Musikalischen Feierstunde in der Kirche Bruder Klaus in Oberwil ein kleines Stück Musikgeschichte geschrieben – wenn man so will. Es existieren lediglich inoffizielle Einspielungen der C- und D-Messe Bühlers, bei der Erarbeitung der 1820 herausgegebenen und erst 2008 wieder entdeckten B-Messe für Chor, Solisten, Orgel und Orchester aber konnte der musikalische Leiter Armon Caviezel keine existierende Aufnahme als Referenz nehmen. Angesichts einer solchen Ausgangslage war die Aufführung dieser Messe eine besonders grosse Herausforderung, welche den Beteiligten gut gelungen ist.

Melodienreichtum und Festlichkeit

Die gerade mal knapp eine halbe Stunde dauernde Missa brevis vereint in sich eine breite Palette an Klangfarben, welche die Musik ihrer Entstehungszeit repräsentiert. Sucht man einen vergleichbaren Stil für Bühlers Musik, so würde man ihn bei der Familie Haydn finden. Bühler lässt das Orchester in seiner Missa stellenweise gar Elemente des damals aufkommenden «Deutschen» andeuten. Der Melodienreichtum und die bemerkenswerte Festlichkeit, welche insbesondere dem «Gloria» und dem «Credo» innewohnen, sowie fulminante Finali stehen so mancher grossen Messe in nichts nach, und es erscheint nur schlüssig, dass Bühler zu Lebzeiten ein bekannter und sehr häufig interpretierter Komponist war. Die insgesamt fast 100 Musiker überzeugten an diesem Abend vor allem in den voluminösen Tutti der Bühler-Messe, welche stimmig und harmonisch gelangen.

Gemischtere Eindrücke hingegen hinterliess das Cellokonzert in ­D-Dur von Luigi Boccherini (1743–1805), neben der Bühler-Messe das zweite Hauptstück an diesem Abend mit Jonas Iten als Solisten. Die Boccherini-typische Verve im ersten und dritten Satz vermochte nicht so richtig aufzukommen. Allgemein fehlte der Interpretation einiges an Brillanz und – insbesondere in den höheren Streicherlagen – an Souveränität. Der Grund hierfür mag allerdings zu einem Teil in der Akustik des Kirchenraumes zu suchen sein, welche durch den grossen Besucherandrang viel zu «trocken» für ein Boccherini-Konzert geworden war. Durch die Einbussen an Hall war jede Unsauberkeit umso stärker herauszuhören.

Wie bei der Bühler-Messe konnte der Kirchenchor Bruder Klaus schliesslich in drei kurzen Motetten für Chor a cappella beweisen, was für ein eingespielter und sattelfester Klangkörper er ist und dass unter den Sängerinnen und Sängern ein «besonderer Spirit» herrscht, wie Pastoralassistentin Jacqueline Meier eingangs Konzert in würdigenden Worten zum 20-jährigen Bestehen der Musikalischen Feierstunde erwähnt hat. Klanglich weniger aufeinander abgestimmt dagegen wirkten die vier Gesangssolistinnen und -solisten. Obschon allesamt klar über persönliche Qualitäten verfügen und an diesem Abend einzeln Platz erhielten, sie zu präsentieren, konnte sich die Wirkung im Plenum nicht wirklich entfalten. Zu stark unterschied sich die Charakteristik jeder einzelnen Solostimme.

Wenn auch der Beifall in der zum Bersten vollen Kirche heuer sichtlich verhaltener ausfiel, darf die Gesamtleistung der Mitwirkenden an dieser 20. Musikalischen Feierstunde gebührend gewürdigt werden, zumal es insbesondere mit der gelungenen Schweizer Uraufführung einer lange verschollenen Messe für die Musiker ein sehr anspruchsvolles Programm war.

Hinweis

Eine zweite Gelegenheit, die Bühler-Messe D-Dur mit dem Kirchenchor Bruder Klaus zu hören, bietet sich an den Domleschger Sommerkonzerten in Tomils GR am 5. August 2018.


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