Ein Symbol für das Chamer Musikleben

FUNDSTÜCK ⋅ Eine ausrangierte Bassgeige erweist sich als Exponat mit besonderer Bedeutung. Alte Vermerke im Inneren lassen die Geschichte des Instrumentes nachzeichnen. Die genaue Identität des Erbauers bleibt vorerst offen – wer weiss mehr über ihn?
08. November 2017, 08:25

Andreas Faessler

andreas.faessler@zugerzeitung.ch

Im Treppenhaus des Chamer Spritzenhauses hinter dem Mandelhof hat eine besondere Kuriosität ihren Platz gefunden. Auf einer schwenkbaren, gerahmten Plexiglasplatte an der Wand sind Teile eines alten Kontrabasses fixiert. Ein historisches Instrument, «seziert» und zu einem Exponat verarbeitet. Die Bassgeige im Spritzenhaus, respektive die ausgestellten Teile, zeugt faktisch von den Anfängen des offiziellen Chamer Musiklebens. Das Instrument wurde vor über 190 Jahren, anno 1824, gebaut. Exakt im Gründungsjahr der Musikgesellschaft Cham. «Das kann kein Zufall sein», ist Eugen «Geni» Häusler-Wagner überzeugt. Der Unterägerer ist seit 1981 Kontrabassist beim Orchester Cham Hünenberg und seit 1987 ebenso bei der Musikgesellschaft Cham. Ihm ist es zu verdanken, dass der Gemeinde dieses besondere Instrument in den ausgestellten Fragmenten erhalten geblieben ist.

Geni Häusler erklärt, dass in der katholischen Zentralschweiz die Kontrabässe einst fast alle von den Kirchgemeinden bezahlt worden seien. «Viele Leute waren in der Kirchenmusik tätig. Aber welche Einzelperson legte sich denn schon eine Bassgeige zu? Da kam eben die Gemeinde für diese auf, wenn es darum ging, ein Orchester zu komplettieren.» So liegt es für ihn auf der Hand, dass das historische Instrument im Treppenhaus des Spritzenhauses seinerzeit von der Gemeinde für die Musikgesellschaft in Auftrag gegeben worden ist.

Besonders spannend ist, wie Geni Häusler überhaupt auf die Bassgeige und deren Geschichte gestossen ist. Er berichtet, wie das ausgediente Instrument ab 1965 in den Kellerräumen des Chamers Ruedi Sidler aufgehängt war, da, wo die Chamer einst zu baden pflegten. «Junge Chamer Musiker, darunter der Kontrabassist Gusti Baumgartner und der Klarinettist Ruedi Sidler, richteten sich dort einen Proberaum ein», erzählt Häusler. Im Materialraum des Orchestervereins lag der kaputte Kontrabass herum. «Und anstatt ihn zu verschrotten, flickten sie ihn zusammen und hängten ihn an die Decke – als Dekoration.» Nach über 30 Jahren holte man das Instrument wieder runter und brachte es zum Geigen­bauer Gabriel nach Adligenswil. Dieser aber sah für das desolate Stück keine Rettung mehr. Bei einem Besuch beim Geigen­bauer wurde Häusler auf das Instrument aufmerksam und nahm sich seiner persönlich an, um es vor der endgültigen Entsorgung zu retten. Er sägte den Korpus auf, befreite sein Inneres vom Staub der Jahrzehnte – und siehe da: Wie es bei historischen Streichinstrumenten gehandhabt wird, haben sich im Inneren mehrere Leute mit aufschlussreichen Notizen verewigt.

Während einer Fasnacht demoliert worden

Jetzt hatte Geni Häusler wichtige Anhaltspunkte, um die Geschichte des alten Instruments wenigstens grob nachzuzeichnen. Das vermerkte Baujahr 1824 liess ihn sofort den Zusammenhang mit der Musikgeschichte Chams vermuten. Dies erst recht, weil als Erbauer ein gewisser Schreiner Heinrich Kaufmann aus Cham sich im Korpus verewigt hat. Weitere Vermerke weisen auf Restaurationen und Reparaturen hin. So nahm um 1863 ein Schreiner selben Namens wie der Erbauer eine Restauration vor. Um 1902 verewigte sich ein Geigenmacherlehrling aus Zürich im dritten Lehrjahr auf dem Holz, und von 1945 zeugt ein Vermerkt von Reparaturen durch den Chamer Louis Schiess.

Was Häusler nun besonders brennend interessiert: Wer war der Erbauer Heinrich Kaufmann? Sein Name ist zwar im Buch der Geigenbauer vermerkt, aber biografische Details und familiäre Hintergründe fehlen (Anm. d. Red.: Hinweise können gerne an den Autor gerichtet werden zur Weiterleitung). Als Kenner stellt Häusler allerdings fest, dass der Kaufmann im Vergleich zu anderen Geigenbauern seiner Zeit handwerklich etwas weniger versiert war, wie er beispielsweise an der einfachen Ausführung der Schnecke feststellen kann. Ausserdem zeugen deutliche Spuren am Korpus davon, dass das Instrument in seinem langen Leben mehrmals stark in Mitleidenschaft gezogen worden ist. Stellenweise hat das Holz dem Druck des Saitenzuges nicht standgehalten. Mehrere grosse Risse sind ausgebessert worden, und es ist überliefert, dass der Kontrabass während einer Fasnacht erheblich demoliert worden ist.

Jetzt hat die alte, seit über 50 Jahren verstummte Chamer Bassgeige einen würdigen Platz gefunden, wenn auch zerlegt. Das Spritzenhaus als Ausstellungsort eignet sich insofern bestens, als unter anderem Teile der Musikschule sowie Übungslokale von Vereinen im historischen Gebäude untergebracht sind. Die Aufmachung der präparierten Bassgeige mit dem schwenkbaren Plexiglas, was den Einblick in das Innenleben des Instruments mit den alten Inschriften ermöglicht, ist in Zusammenarbeit mit der Gemeinde Cham umgesetzt worden.


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