Eine Firma platzt aus allen Nähten

SERIE (4/5) ⋅ Die Landis & Gyr hat als Stromzählerhersteller begonnen und damit den Nerv der Zeit getroffen. Bereits 1924 wurde die Gesellschaft international tätig.
09. Januar 2018, 05:00

Andrea Muff

andrea.muff@zugerzeitung.ch

Ein Weltkonzern gewachsen aus dem kleinen Zug: Die Landis & Gyr. Ihr Produkt: Stromzähler. Die Industrialisierung im Kanton Zug bewegte sich im 19. Jahrhundert entlang der Wasserkraft spendenden Lorze. Textilunternehmer wie etwa Wolfgang Henggeler aus Ägeri errichtete um 1830 mehrere Industriebetriebe im Ägerital und in Baar. Über ein halbes Jahrhundert später erstellte die 1892 gegründete Wasserwerke Zug AG ein Elektrizitätskraftwerk im Lorzentobel. In diese Zeit fällt auch die Gründung der Landis & Gyr. Der Elektroapparatehersteller an der Hofstrasse nutzte den lokalen Strom nicht nur für den Antrieb der Produktionsmaschinen, sondern sah vor allem in der Strommessung einen für sie interessanten Markt.

Als Richard Theiler und Adelrich Gyr-Wickart, beide mit Einsiedler Wurzeln, 1896 das Elektrotechnische Institut Theiler & Co. mit Sitz in Zug gründeten, hatten sie wohl noch keine Vorstellung, wie sich das Unternehmen entwickeln wird. Schon 1903 stiess der 24-jährige Elektroingenieur Heinrich Landis von Richterswil als Partner zur Firma. Zwei Jahre später übernahm er das Unternehmen. Im gleichen Jahr konnte er Karl Heinrich Gyr, ein promovierter Chemiker aus Zürich, als Geschäftspartner gewinnen. Besagter Gyr war nicht mit der Einsiedler Familie Gyr verwandt. Die Firma wurde daraufhin in Landis & Gyr umbenannt.

Der Bau der Shedhallen

Karl Heinrich Gyr wurde in der Firma zur massgeblichen Kraft. Dies lag auch daran, dass Heinrich Landis erkrankte und sich 1914 aus dem operativen Geschäft zurückzog. Das Unternehmen florierte und schon 1906 wurden 8029 Quadratmeter Land dazugekauft. Daraufhin wurden vier Shedhallen mit Nebengebäuden gebaut. Auch zwei Jahre später war die Raumnot wieder das vorherrschende Thema. Von 1907 bis 1910 war der Zählertarif eingeführt und der Pauschaltarif abgeschafft worden. Diese Massnahme steigerte die Nachfrage der Zähler. 1914 übernahm Karl Heinrich Gyr die alleinige Führung und wandelte die Kollektivgesellschaft in eine Aktiengesellschaft um. Die Zahl der produzierten Stromzähler nahm zu: von 3600 im Jahr 1905 auf 192 000 Stromzählern zehn Jahre später. Weitere Shedhallen kamen dazu und die L&G kaufte 1917 die ganze Liegenschaft Neufrauenstein.

Während des Ersten Weltkrieges musste die Firma weiter vergrössert werden: Grossaufträge trafen ein, Kapazitäts- und Lieferengpässe waren an der Tagesordnung. 1915 wurde das Hochhaus am Mänibach in Angriff genommen. Rund zehn Jahre später entschied die Geschäftsleitung der L&G, nach einem neuen Fabrikationsstandort zu suchen. Nach langen Verhandlungen mit Stadt und Kanton kaufte die Landis & Gyr auf der Hertiallmend rund 13 Hektaren Land dazu: Sie besass nun 23 Hektar.

Mit dem Erfolg der Messprodukte wurde die Landis & Gyr auch international tätig. Ab 1924 wurden erste Auslandniederlassungen in New York (USA) und Melbourne (Australien) eröffnet. Als 1981 das digitale Zeitalter in dieser Technologie Einzug hielt, wurde die erste Digitalzähler-Reihe entwickelt. In den 1990er Jahren brachte die L&G den ersten digitalen Stromzähler für Privathaushalte auf den Markt. Inzwischen hat auch das Aussehen der Stromzähler geändert: Heute sind sie grau und haben eine Digitalanzeige. Früher waren sie weiss mit einem analogen Zählwerk. Die Funktion ist aber geblieben: Sie messen den Stromverbrauch. Die heutigen Geräte können aber noch viel mehr und sorgen etwa dafür, dass das Stromnetz stabil bleibt.

Neben Stromzähler auch Uhren im Sortiment

Auch die Leitung des Zählerherstellers wurde internationaler: Nachdem Karl Heinrich Gyr 1946 verstarb, übernahmen die Schwiegersöhne, Andreas C. Brunner-Gyr und Gottfried Straub-Gyr, die Leitung. Danach verschwand die Gesellschaft aus dem Familienbesitz. Nach der Elektrowatt, Siemens und Bayard Capital gehörte zuletzt die Unternehmensmehrheit der Firma Toshiba. Seit Juli 2017 werden die Aktien wieder an der Schweizer Börse gehandelt.

Die Landis & Gyr setzte aber nicht nur auf Zählersysteme, sondern stellte ab 1922 Uhren unter dem Namen Inducta her. Denn die L&G hatte sich 1919 an der Schweizerischen Magneta AG Zürich beteiligt. Diese stellte Zentraluhranlagen her. 1922 wurde die Produktion der Uhren in die L&G-Fabrik an der Hofstrasse verlegt und fünf Jahre später erfolgte die Fabrikation in der ehemaligen Glühlampenfabrik an der Baarerstrasse. Deren Betrieb wurde 1946 stillgelegt und an die Firma Saia AG in Murten, eine Tochtergesellschaft derLandis & Gyr, verkauft. Das Gebäude an der Baarerstrasse diente vortan als Heim für die italienischen Arbeiterinnen der L&G.

Hinweis

In einer fünfteiligen Serie stellen wir die Geschichte der L&G unter verschiedenen Aspekten vor. Die Bilder stammen aus dem Buch von Heinz Horat «Die Fabrik in der Stadt Zug – Wie die Landis & Gyr Zug verändert hat» (ISBN 978-3-03 919-436-0). Das Buch kann über den Buchhandel oder beim Industriepfad Lorze für 59 Franken bestellt werden.


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