Eine Frage der Zeit

ALLENWINDEN ⋅ Hans-Ueli Kohler (69) ist seit Jahrzehnten fasziniert von mechanischen Uhrwerken. Der immer gleiche Aufbau der Pendeluhren aber ödete ihn an – eine willkommene Herausforderung für den Tüftler.
16. April 2018, 13:10

Raphael Biermayr

raphael.biermayr@zugerzeitung.ch

Spricht Hans-Ueli Kohler über Hemmung und Komplikation, tut er das mit Freude. Der 69-Jährige aus Allenwinden ist fasziniert von mechanischen Uhrwerken, zu deren Vokabular genannte Begriffe gehören. Kohler hat eine alte Wanduhr zerlegt und neu zusammengesetzt. Das allein wäre keine Herausforderung für ihn gewesen. So brach er mit dem klassischen symmetrischen Aufbau solcher Uhren und wagte sich an eine Tinguely-artige Konstruktion mit sicht- und damit nachvollziehbarer Mechanik. Sie ist seit kurzem fertiggestellt – und funktioniert natürlich. «Die Uhr ist genauso, wie ich sie mir vorgestellt habe», sagt Kohler schwärmerisch.

Es mutet beinahe kitschig an, dass er aus dem Uhren-Kanton Neuenburg stammt. Allerdings nicht aus dem für die Schweizer Uhrenindustrie prägenden Juragebiet, sondern im Gegenteil aus dem tiefsten Punkt der bewohnbaren Fläche am Bielerseeufer. Es war Zufall, dass Kohler mit alten, bäuerlichen Wanduhren in Berührung kam. Bei der Renovation eines alten Hauses erhielt der damalige Elektromonteurlehrling vom Eigentümer zwei Uhren geschenkt, eine reparaturbedürftig, die andere zum Zusammensetzen. Seither setzt sich Kohler mit dem Thema auseinander, hat gelesen und ausprobiert und gewissermassen einen Sinn dafür entwickelt. «Wenn etwas mit einer Uhr nicht stimmt, höre ich zuerst hin.» Das verrate ihm viel über das Problem, behauptet er, um unbeabsichtigt zu kalauern: «Ich weiss, wie die Uhren ticken.»

Kohler nahm seine Leidenschaft mit in die Deutschschweiz, wo er bei der Landis&Gyr in Zug seine erste Anstellung nach der Lehre wahrnahm. «Ich hätte an drei Orten arbeiten können – die LG hatte das schönste Dossier», erklärt der mittlerweile pensionierte Elektroingenieur seine Wahl mit einem Lächeln. Seit 1976 wohnen seine Frau Marie-Antoinette und er in Allenwinden. In ihrer geräumigen heutigen Wohnung sieht und hört man seine Leidenschaft für Zeitmesser sofort. Die digitalen Exemplare eingerechnet, kommt Kohler beim Aufzählen schnell auf 12 Stück – ohne die zahlreichen Armbanduhren. Er hat sich nicht nur mit der Funktionsweise von Uhren auseinandergesetzt, sondern auch mit der Zeit-Geschichte an sich. Die Kantone haben sich – auf Druck von Verkehrsfahrplänen und Kommunikationsmöglichkeiten – erst 1894 auf eine einheitliche Zeit in der Schweiz festgelegt, die sogenannte Berner Zeit.

Kommt Zeit, kommt Rat

Die Zeiteinteilung als Halt und Orientierung gebietende, aber auch einengende menschliche Massnahme hat eine philosophische Komponente. Kohlers Interesse gilt aber nicht dem Abstrakten, sondern dem Konkreten. Der Funktionalität begegnet er mit Ehrfurcht, dem Finden von Lösungen mit Ehrgeiz. «Genial» und «cool» kommen ihm öfter über die Lippen. Zur Überprüfung der Tauglichkeit seiner Ideen bei eingangs erwähnter Neukonstruktion einer Pendeluhr montierte Kohler diese zunächst auf ein Holzbrett.

Herausforderungen löste er getreu dem Motto: Kommt Zeit, kommt Rat. Mehrere hundert Stunden habe er für dieses Projekt aufgewandt. Wenn nur die Sache mit dem fehlenden Platz nicht wäre. Die Uhr hängt in seinem Büro im Untergeschoss, wo sie nicht wirklich zur Geltung kommt. Kohlers Bruder zeige Interesse, sie in dessen Firma in der Westschweiz zur Schau zu stellen. Denkbar sei auch der Verkauf an einen Liebhaber, seine Preisvorstellung will der Erschaffer nicht veröffentlichen. Einen Teil des Erlöses würde er in eine besondere Drehbank investieren, die er händeringend sucht, eine Schaubling 102. Daran stehend, will er dereinst weitere Ideen für Neugestaltungen von Uhren in die Tat umsetzen. Man darf davon ausgehen: Bis es soweit ist, ist es nur eine Frage der Zeit.


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