Eine Meisterin im Männerberuf

OBERÄGERI ⋅ Per 2018 gibt Rainer Rapp seinen Sanitär- und Heizungsbetrieb weiter, und zwar an seine Tochter Linda. Trotz ihres jungen Alters (28) bringt die Sanitärmeisterin so schnell nichts aus der Ruhe. Sie freut sich auf die Herausforderung und weiss, wo sie Rat holen kann.
29. Dezember 2017, 07:21

Livio Brandenberg

livio.brandenberg@zugerzeitung.ch

Nach 37 Jahren sei die Zeit gekommen, sagt Rainer Rapp. Er möchte wieder mehr Zeit für sich und gibt darum die Leitung seiner gleichnamigen Sanitär- und Heizungsfirma per Anfang 2018 ab – an seine Tochter Linda. Die 28-jährige Sanitärmeisterin arbeitet seit rund drei Jahren im Familienbetrieb. Diesen Frühling hat sie die eidgenössische Meisterprüfung abgeschlossen.

Dies war ein wichtiger Punkt in der Nachfolgeplanung, die laut Vater Rainer vor einem Jahr begann. «Als wir darüber gesprochen haben, sagte Linda, sobald sie im Frühling die Meisterprüfung im Sack habe, sei sie bereit. Und da sich unser Sohn Robin für einen anderen beruflichen Werdegang entschieden hat, war der Fall klar.» Rainer Rapp (62) hat die Sanitär- und Heizungsfirma 1980 von seinem Vater übernommen. Ernst Rapp gründete die Ernst Rapp Sanitäre Anlagen 1949 und führte sie, bis er unverhofft verstarb. Sohn Rainer wurde mit 25 Jahren ins kalte Wasser geworfen. Jetzt, 37 Jahre später, soll die Übergabe des Betriebs an die dritte Rapp-Generation gemächlicher ablaufen.

Erfahrung bleibt erhalten

Auf die Frage, ob sie für die Führungsrolle bereit sei, antwortet Linda Rapp gelassen. Sie wirkt nicht wie eine Person, die schnell aus dem Gleichgewicht gerät. «Es mag schon etwas früh sein, in meinem Alter. Doch jetzt kann ich noch auf das Wissen meines Vaters und das langjähriger Mitarbeiter zurückgreifen. Also mache ich es lieber jetzt.» Rainer Rapp wird die Firma zwar vollständig übergeben – ihm gehören sämtliche Aktien –, und er möchte sich auch aus dem Alltagsgeschäft zurückziehen. Doch er werde seiner Tochter mit Rat zur Seite stehen, wann immer sie das wünsche. Dass diese so ruhig und gelassen scheint, mag an ihrem Naturell liegen. Wohl aber auch am von ihr selbst angesprochenen Umstand, dass sie weiterhin erfahrene, vertraute Personen um sich haben wird.

Eine dieser Personen ist Bruno Schuler (62). Über viele Jahre die rechte Hand von Rainer Rapp, bleibt er mit einem 80-Prozent-Pensum im Unternehmen. Laut dem abtretenden Chef ist Schuler «ein Organisationstalent». Dass dieser seit 20 Jahren das Organisationskomitee des Ägerisee-Laufs präsidiert, untermauert Rapps Einschätzung. Überdies wird Bruno Schulers Sohn Clemens (31), ebenfalls schon lange im Betrieb, der neuen Chefin zur Seite stehen. Der diplomierte Heizungsmeister aus Oberägeri ist schon heute für die Sparte Heizungen zuständig, Linda Rapp für die Abteilung sanitäre Installationen. Unterstützt wird Linda Rapp schliesslich auch von ihrer Mutter Isabella (57), die weiterhin für die Administration im Familienbetrieb zuständig ist.

Linda Rapp leitet aber schon seit dem vergangenen Frühling auch ganze Projekte, wie sie es nennt. «Ich bin dann etwa verantwortlich für alle Installationen einer kleineren Baute.» Doch durch das Nebeneinander von Arbeit und Meisterprüfung sei es oft schwierig gewesen, diese Gesamtverantwortung wahrzunehmen. Mit dem Abschluss hat sich dies geändert.

90 Prozent der Aufträge aus dem Ägerital

Daneben haben Rainer Rapp und seine Frau Isabella ihre Tochter sukzessive an die verschiedenen Aufgaben der Geschäftsleiterin herangeführt. Darunter fällt beispielsweise, im Service bei Notfällen schnell zu reagieren. «Wobei die meisten Notfälle gar keine sind», sagt Linda Rapp schmunzelnd. Meistens könne schon am Telefon geholfen werden, indem den Betroffenen etwa bei undichten Leitungsrohren oder Wasserbruch geraten werde, die Hauptwasserleitung zuzudrehen. Wichtig sei auch der Kontakt zu den Kunden, sagt Rainer Rapp. Viele seien inzwischen Stammkunden. «Wir arbeiten zu 90 Prozent im Ägerital», so Rapp. Seine Firma habe durchaus auch davon profitiert, dass in den vergangenen Jahren viele Häuser in der Region gebaut worden seien.

Die Übergabe hat das Unternehmen seinen Kunden bereits in einem Brief mitgeteilt. Darin wird auch bekräftigt, was Linda Rapp im Gespräch sagt: Das bestehende Team – die Familie Rapp mitgezählt, sind es 12 Leute und darunter stets zwei Lehrlinge – bleibt bestehen. Rainer Rapp wird ab dem 1. Januar 2018 nur noch punktuell beratend zur Verfügung stehen. Doch schon jetzt gebe es durchaus Nächte, in denen sie aufwache und ans Geschäft denke, sagt Linda Rapp. «Man muss aber auch lernen abzuschalten.» Am besten gelinge ihr dies beim Sport: Die passionierte Skifahrerin spielt auch Volleyball im Klub in Oberägeri und Steinen SZ. Das Skifahren nimmt seit Jahren einen so hohen Stellenwert ein im Leben von Linda Rapp, dass sie nach der Sanitärlehre bei einem Unternehmen in Baar während eines Winters in Davos als Skilehrerin gearbeitet hat.

Wie viel Zeit sie künftig haben wird, um auf die Pisten zu gehen, wird sich zeigen. Linda Rapp scheint sich auch angesichts dieses Einwands nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Auch ihre Eltern sind glücklich und zufrieden mit der gefundenen Lösung. «Für mich ist das die beste Lösung. Und sie ist so gut, weil wir hier auf ein tolles Team mit viel Erfahrung zählen können, die ganzen letzten Jahre schon», sagt Rainer Rapp. Sie fühle sich im Unternehmen absolut respektiert, sagt Tochter Linda. Man wisse, was sie könne. Auch, dass sie als Frau allgemein weniger akzeptiert werde in ihrer Branche, sieht sie nicht. Sie sagt aber: «Als Frau muss man sein Handwerk schon sehr gut beherrschen und die Arbeit absolut perfekt erledigen, vielleicht genauer als ein Mann. Sonst wird man schnell nicht mehr ernst genommen.»

Das grosse Fest folgt im Sommer

Bei den Abläufen soll sich im Hause Rapp, gleich vis-à-vis der ZVB-Endstation Oberägeri, also nicht allzu viel ändern, weder für die Kunden noch für die Mitarbeiter – die neue Chefin nicht ausgenommen. Sie wird weiterhin im Wohn- und Geschäftshaus wohnen. Das sei schon ein wenig speziell, die Wege sehr kurz, sagt Linda Rapp. «Ich habe mir auch schon überlegt, ob ich am Morgen rund ums Haus zur Arbeit gehen soll, um sicher schon mal ausser Haus gewesen zu sein», erzählt sie mit einem Lachen. Doch sie will auch in Zukunft raus auf die Baustellen und zu den Kunden. Das sei in diesem Beruf wichtig.

Während auf Linda Rapp mit dem neuen Jahr neue Herausforderungen zukommen, freut sich Vater Rainer darauf, die Verantwortung abzugeben. Für die Firmenübergabe hat er extra eine rote Rohrzange golden gesprayt. Symbolisch überreicht er sie seiner Tochter für unseren Fotografen. Es sei nun halt eine Art «stillschweigende Übergabe» geworden, sagt er. Ein Fest sei aber im Sommer geplant, «wenn man die Werkstatt aufmachen und grillieren kann».

Bleibt die Frage nach dem Namen. An einem Rohr in der Werkstatt hängt noch das ursprüngliche Firmenlogo mit der Aufschrift «Ernst Rapp Sanit. Anlagen Spenglerei», daneben ein neueres mit dem aktuellen Firmennamen. Dieses sei aber auch schon ein wenig in die Jahre gekommen, sagt Linda Rapp und schmunzelt. «Es ist wohl langsam Zeit für ein neues. Daneben hat es ja noch Platz. Der Name bleibt aber gleich.»

Hinweis

In unserer Jahresendserie porträtieren wir Zugerinnen und Zuger, bei denen im Jahr 2018 eine grosse Veränderung ansteht.


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