Eltern streiten sich öfter ums Kind

ZUG ⋅ Immer häufiger muss die Kesb zwischen Eltern vermitteln, die sich über das Besuchsrecht der Kinder streiten. Im vergangenen Jahr musste sie 37 Mal vermitteln. Die Fälle sind dabei heftiger und komplexer geworden.
03. Juli 2017, 07:32

Samantha Taylor

samantha.taylor@zugerzeitung.ch

Kinder sollen bei der Trennung ihrer Eltern nicht zum Spielball werden oder darunter leiden. Das nehmen sich wohl die meisten Paare vor. Kommt es dann aber zu einer Trennung, ist vieles ganz anders. Das stellt auch die Zuger Kesb fest. Immer häufiger kommt es unter Eltern zu Streitigkeiten beim Thema Besuchsrecht. Immer öfter muss sich die Kesb mit hoch strittigen Fällen beschäftigen, bei denen sich Eltern nicht einig werden, wer wann und wie oft die Kinder sehen darf.

Im vergangenen Jahr musste die Kesb in 37 Fällen das Besuchsrecht festlegen sowie eine Beistandsperson einsetzen, welche die Umsetzung überwacht und die Eltern dabei unterstützt. Im Jahr 2015 geschah dies in 47 Fällen und in diesem Jahr bisher in 18 Fällen (Stand 28. Juni). Vor einigen Jahren lag die Zahl noch deutlich tiefer. So waren es im gesamten Jahr 2013 noch 18 Fälle. Eine Regelung des Besuchsrechts mit den Eltern ohne Errichtung einer Beistandschaft konnte im letzten Jahr in 15 Fällen und dieses Jahr (Stand 28. Juni) in sieben Fällen festgelegt werden. Die Gründe für diese Entwicklung ortet man seitens der Kesb unter anderem bei der Scheidungsrate in der Schweiz. Diese liegt aktuell bei rund 41 Prozent. Es sei davon auszugehen, dass die Trennungsrate bei unverheirateten Paaren ebenfalls entsprechend hoch sei, sagt Gabriella Zlauwinen, Leiterin des Amts für Kindes- und Erwachsenenschutz. «Aufgrund dieser hohen Scheidungs- beziehungsweise Trennungsrate kommt es vermehrt zu Konflikten bezüglich der Besuchsregelung», so Zlauwinen weiter.

Eltern müssen sich aktiv melden

Die Kesb komme zum Einsatz, wenn sich ein Elternteil aktiv an sie wende und melde, dass die vereinbarten Besuchsregelungen nicht eingehalten werden. «Grundsätzlich liegt die Verantwortung über diese Regelung bei den Eltern», sagt Zlauwinen. Eine Meldung bei der Kesb erfolge meist, weil die Eltern aufgrund ihres Konflikts nicht in der Lage seien, die Besuchszeiten zum Wohle des Kindes selbst zu regeln. «Wir stellen fest, dass Paare, die sich nur kurz gekannt haben und gemeinsam ein Kind haben, nach der Trennung häufig schlechter mit der Situation klarkommen», so die Amtsleiterin. Dies hänge vor allem damit zusammen, dass sie sich kaum oder zu wenig auf die gemeinsame Elternrolle hätten vorbereiten können und es deshalb auch nicht möglich gewesen sei, gegenseitiges Vertrauen aufzubauen.

Die Kesb hat ausserdem festgestellt, dass die Fälle im Allgemeinen komplexer und die Streitereien heftiger geworden seien. Dieses Bild zeichne sich bei jenen Fällen ab, bei denen ein Beistand eingesetzt werden müsse. «Die Positionen der Eltern verhärten sich. Jeder Elternteil verharrt auf seiner Position und will Recht erhalten. Lösungen beziehungsweise Einigungen zum Wohle des Kindes werden nicht angestrebt», sagt Zlauwinen. Der Konflikt zwischen den Eltern mit hinterlassenen Enttäuschungen und verletzten Gefühlen stünde oft im Vordergrund und werde über das Kind ausgetragen. Lösungsansätze wie Paartherapie, Mediation oder Beratung würden dabei gar nicht oder nur auf Druck der Kesb in Erwägung gezogen.

Um die Konflikte zu lösen, führt die Kesb als Erstes ein sogenanntes Klärungsgespräch mit den Eltern. Sind die betroffenen Kinder älter als sechs Jahre, werden auch diese angehört. «Ziel ist es, ein möglichst klares Bild der Situation zu erhalten», sagt Zlauwinen. Als Angebot offeriert die Kesb weitere Gespräche mit dem Ziel, die Eltern zu befähigen, die Besuchsregelungen selbst zu klären. «Die Eltern müssen hier Bereitschaft zeigen, miteinander kommunizieren zu wollen und an einer Lösung interessiert zu sein», sagt Zlauwinen. Wenn keine Lösung möglich ist, müsse die Kesb die Besuchsregelungen nach der herrschenden Praxis regeln. «Das heisst, dass sie die Besuchsregelung mittels einem Entscheid festlegt und eine Berufsbeiständin oder einen Berufsbeistand einsetzt, die Regelung zu überprüfen, und wenn es Probleme gibt, zwischen den Eltern zu vermitteln», sagt Zlauwinen.

Es hat auch eine finanzielle Komponente

Die Amtsleiterin betont, dass es nicht die Rolle der Kesb sei, Konflikte unter Eltern zu lösen. Ebenso wenig sei dies die Aufgabe des Staates. «Das liegt in der Verantwortung jedes einzelnen Elternteils.» Das Ganze hat für die Amtsstelle auch eine finanzielle Komponente. «Die Kesb ist da­ran, im Rahmen der Finanzen 2019 Richtwerte betreffend Aufwand in Sachen Besuchsrechtsstreitigkeiten zu erarbeiten.»


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