Er bringt Ihnen die Morgenlektüre

STEINHAUSEN ⋅ Dass Abonnenten ihre Zeitung vor dem Frühstück in den Händen halten, dafür sorgen die Frühzusteller. Luigj Gjokaj ist einer von ihnen. Er erzählt von der Dankbarkeit der Leute, von Sonderwünschen – und erklärt, warum auch mal eine Zeitung fehlen kann.
10. August 2017, 07:42

Andreas Faessler

andreas.faessler@zugerzeitung.ch

Meine Bewunderung haben sie, die Menschen, welche regelmässig in aller Herrgottsfrühe auf den Beinen sind und arbeiten, wenn der Rest der Welt noch tief schlummert. Und sie haben genauso auch meine Anerkennung, weil die meisten von ihnen mit ihrer Arbeit anderen einen Dienst erweisen.

An diesem Mittwoch geht mein Wecker bereits um 3.30 Uhr. Ich mache mich bald auf den Weg nach Steinhausen, wo ich endlich erfahren werde, wie unsere Zeitung noch vor der Dämmerung zu unseren Lesern kommt. Um Viertel vor fünf werde ich an der Bushaltestelle Birkenhalde Luigj Gjokaj treffen. Er ist einer der rund 8500 Frühzusteller der Presto Presse AG, die deutschschweizweit dafür sorgt, dass Tages-, Sonntags- und Wochenzeitungen sowie auch diverse Magazine am frühen Morgen zeitig in den Briefkästen der Abonnenten landen. Luigj Gjokaj hat die Tour 62/1701, welche die Steinhauser Quartiere im Raum Tellenmatt- und Neudorfstrasse abdeckt. Auf der Sitzbank im Wartehäuschen der Bushaltestelle werden von den Transportorganisationen der Verlage die Zeitungen deponiert, welche Gjokaj heute austragen wird. Neben «Tages-Anzeiger», NZZ, «Schweizer Familie» oder «Finanz & Wirtschaft» türmt sich die «Zuger Zeitung» erwartungsgemäss am höchsten.

Luigj Gjokaj ist frisch und munter – er ist seit 3.15 Uhr auf. Er habe sich mittlerweile daran gewöhnt, sagt er. Der 31-Jährige wohnt in Emmen und ist mit seinem Privatwagen unterwegs. Auf dessen Vordersitz und Boden stapelt er sich die Presseerzeugnisse zurecht. Dann noch etwas Bürokratie: Unterlagen checken, die seine Tour betreffen. «Wichtig sind die Mutationen», erklärt Gjokaj. «Wenn etwa ein Abonnent in den Ferien ist und die Zustellung unterbrochen hat. Oder wenn es neue Abos gibt – oder natürlich auch Kündigungen.» Gjokaj prägt sich diese Mutationen ein für seine Tour, die er zu meiner Verblüffung in- und auswendig kennt. Er weiss genau, in welche Briefkästen die rund 260 Zeitungen und Magazine gehören – ohne auf sein Kroki schauen zu müssen, welches er sich einmal aufgezeichnet hat. Chapeau!

Ein Arbeitstag von zwölf Stunden

«Ich fahre diese Tour seit Oktober 2016 sechsmal die Woche», sagt Gjokaj. Sechsmal? Ich hake nach. Ja, ich habe richtig gehört. Von Montag bis Samstag ist der junge Mann jeden Morgen schon auf den Beinen, wenn es noch finstere Nacht ist. Dabei fängt sein eigentlicher Arbeitstag erst an, wenn er mit dem Zustellen fer­- tig ist: Der gebürtige Kosovare arbeitet hauptberuflich in einer Steinhauser Schreinerei. «Meine reine Arbeitszeit werktags beträgt durchschnittlich zwölf Stunden», sagt der dreifache Familienvater. Die Abende und Wochenenden verbringt er hauptsächlich mit seiner Frau und seinen drei Kindern. Die wenige Zeit, die ihm sonst noch bleibt, nutzt er, um Sport zu treiben, normalerweise dreimal wöchentlich. «Man muss ja fit bleiben», sagt Gjokaj und lacht. Mir selber scheint, dass allein so eine Zustelltour schon ein Fitnessprogramm für sich ist. Ein- und aussteigen und innert zirka 90 Minuten Hunderte Briefkästen bedienen – das ist nicht ohne.

Auch Gjokajs Frau ist erwerbstätig, das liegt drin, weil zwei der Kinder bereits in die 1. Klasse respektive in den Kindergarten gehen. Es sei zwar nicht so, dass er und seine Familie auf den Zusatzverdienst von Presto Presse AG angewiesen wären, «aber alles, was zusätzlich reinkommt, kann man natürlich gut gebrauchen», meint Gjokaj. Früher hat er für seinen Zusatzverdienst wochenends in der Gastronomie gearbeitet. Vor drei Jahren hat er bei Presto Presse AG angefangen – erst aushilfsweise, seit vergangenem Herbst fix. «Wenn meine Zustelltour an einem ganz anderen Ort läge, könnte ich das mit meinem Hauptjob nicht so wie jetzt nahtlos verbinden. Dann würde ich es wohl nicht machen.» Nach dem Zustellen, das – ausser sonntags – um 6.30 Uhr abgeschlossen sein sollte, gibt es für Gjokaj erstmal eine Kaffeepause, bevor er ab 7 Uhr in der Schreinerei steht. Im Kosovo, von wo er vor zehn Jahren in die Schweiz gezogen ist, hat Luigj Gjokaj sich zum Apotheker ausbilden lassen. Er wäre gerne auf seinem Beruf geblieben. «Aber ausgerechnet in der Schweiz ist mein Abschluss als Apotheker nicht anerkannt. Hier müsste ich faktisch nochmal bei null beginnen.» Das wäre ihm zu viel gewesen.

Zügig und zielgerichtet fährt der 31-Jährige von Haus zu Haus. Ohne auf seine Zustellliste schauen zu müssen, nimmt er die benötigte Anzahl Zeitungen von den Stapeln, steigt aus und läuft zügig zu einem oder mehreren Briefkästen. Manchmal dauert die Fahrt bloss wenige Sekunden. Er weiss genau, wo und mit welchen Drehungen er seinen Wagen direkt vor die Briefkästen steuern kann und wo nicht. Je näher desto besser, vor allem, wenn es mal in Strömen regnet – die einzige Witterung, die Gjokaj das Zustellen erschwert. «Ansonsten bin ich völlig wetterfest, da kann es stürmen und schneien», sagt er. An diesem Morgen bleibt es nach anfänglichen Regentropfen zum Glück weitgehend trocken.

Nach gut einer halben Stunde ist die Hälfte der Tour geschafft, noch immer ist es finster wie in einer Kuh, nur da und dort brennt schon das eine oder andere Licht in den Häusern. Aber genau das schätzt Gjokaj an seinem Nebenjob. «Am Morgen früh habe ich meine Ruhe, und die Luft ist schön frisch. Schwierig wird es nur, wenn ich mal schlecht geschlafen habe.»

Seine Arbeit wird geschätzt

Luigj Gjokaj erweist sich als äusserst pflichtbewusst. «Es ist sehr ärgerlich, wenn ein Abonnent seine Zeitung nicht erhält, für die er schliesslich Geld zahlt.» Der Grund für solche Malheurs liegt nicht selten beim Informationsfluss. «Wenn uns der Verteiler Mutationen falsch kommuniziert oder sie vergisst, so sind Fehler bei der Zustellung natürlich vorprogrammiert.» Bei einem Haus an der Tellenmattstrasse trifft er auf einen Briefkasten, der dem Anschein nach seit Tagen nicht geleert worden ist. «Hier könnte etwas schiefgelaufen sein. Der Abonnent ist wohl im Urlaub oder länger abwesend, aber ich habe keine Information, dass die Zustellung umgeleitet, zurückbehalten oder pausiert werden soll.»

Zu Gjokajs Pflichtbewusstsein gesellt sich Kundenorientiertheit: «Da ist ein Abonnent, der seine Zeitung spätestens um 5.45 in den Händen halten will», weiss er. «Täglich stand er in der Tür und schimpfte, wenn sie zu spät da war.» Deshalb beginnt Gjokaj seine Tour stets etwas früher, damit derjenige seine Zeitung zeitig bekommt. Wenn Luigj Gjokaj während seiner Tour Abonnenten trotz der Frühe mal persönlich begegnet, so sind das grundsätzlich Momente voller Freundlichkeit und auch Dankbarkeit. «Ich merke, wie die Leute es schätzen, dass jemand für sie diese Arbeit macht, ihnen ihre Zeitung bringt.»

Mittlerweile geht die Dämmerung in den Tag über – punkt 6.15 Uhr liegt die letzte Zeitung im Briefkasten. Damit ist Luigj Gjokajs Zustelltour an diesem Mittwoch abgeschlossen. Ich verabschiede mich. Nun hat er Zeit für einen Kaffee – bevor sein eigentlicher Arbeitstag in der Schreinerei beginnt ...


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