Er opfert viel für seine Vision

ABSTIMMUNG ⋅ Der Zuger Andreas Kleeb ist einer der wichtigsten Köpfe der No-Billag-Initiative. Derzeit ist er kaum noch zu Hause, weil er im ganzen Land über die Initiative referiert. Ein Termin ist ihm aber heilig.
12. Januar 2018, 04:39

Marco Morosoli

marco.morosoli@zugerzeitung.ch

Auf der Homepage von Andreas Kleeb (55) steht kurz und bündig, wie er sich sieht: «Unternehmer – Macher – Visionär». Die Triebfeder seines Schaffens formuliert er so: «Nicht alles, was gewagt wird, gelingt. Aber was gelingt, wurde einmal gewagt.» Auf einer solchen Mission, wo er etwas wagt, befindet sich der Unternehmer derzeit. In den Büros seiner Holding-Firma in Inwil, er beschäftigt rund 250 Angestellte, ist er seit zwei Monaten kaum noch anzutreffen. Der Grund für seine Abwesenheit: Er ist einer der führenden Köpfe hinter der No-Billag-Initiative, über die am 4. März abgestimmt wird. Bereits zwei Mal hat er die Initiative in der Diskussionssendung «Arena» auf SRF 1 verteidigt. Das letzte Mal am vergangenen Freitag. In der Sendung ist einmal mehr hoch emotional debattiert worden.

Doch der Kampf von Andreas Kleeb geht weiter. Am vergangenen Montag hat er bei sechs Veranstaltungen über die No-Billig-Initiative referiert. Seine Agenda für die weiteren Wochen bis zum Abstimmungstermin ist auch schon gut gefüllt. Das Argumentarium für ein Ja zu dieser Vorlage ist ihm mittlerweile ins Blut übergegangen, so viel hat er es schon präsentieren müssen.

Im Gespräch wirkt er gelassen und ob des Druckes, der auf ihm lastet, auch kaum gehetzt. Das Abchecken des Smartphones muss aber sein. Ungefragt sagt er: «Jetzt hat wieder einer von der SRG telefoniert.» Der schweizweit aktiven Sendergruppe will die No-Billag-Initiative die Gebühren wegnehmen, auch wenn im Initiativ-Text diese Institution nicht erwähnt ist. Kaum einmal ist bisher über eine Initiative so früh so hitzig debattiert worden.

Sieben Gründe, welche die Initiative stützen

Die guten Umfragewerte der Initiative führt Andreas Kleeb auf sieben Gründe zurück: «Die einen wollen einfach mal Dampf ablassen. Andere wollen keine Zwangsgebühren mehr oder sind es leid, so viel für die SRG zu zahlen. Wieder andere sind von den rabiaten Methoden der Billag-Eintreiber geschädigt. Viele kritisieren auch den Linksdrall der Senderfamilie. Einige kritisieren zudem gewisse TV-Sendungen. Zu guter Letzt kommt die Gruppe, die der SRG eins auswischen will.» Dieser «Gemischtwarenladen» mache es, so Kleeb, derart schwierig, der Initiative beizukommen. Ein Gegenargument reiche da nicht aus. Das Oberwasser für die Initiative rühre aber auch daher, dass «in der Schweiz noch nie ernsthaft über Medienpolitik geredet worden ist».

Dabei habe, so sagt Kleeb, der Bundesrat nach dem knappen Ja für das Radio- und Fernsehgesetz im Juni 2015 versprochen, über den Service public beim Fern­sehen und Radio zu diskutieren: «Passiert ist aber nichts.» Das Versäumte jetzt nachzuholen, «ist schwierig».

Kleeb sagt aber auch, dass die SRG am zusätzlichen Dreh für die Initiative selber schuld sei. Es gehe doch nicht, zu sagen: «No Billag, no SRG». Es sei keineswegs die Absicht, die SRG zu zerschlagen. Sie müsse sich durch andere Kanäle ein Auskommen verschaffen. Auf die Aussage, dass in Europa kein TV-Sender mit Informationen Geld mache, entgegnet Kleeb: «Die SRG kann eine Pionierin sein, indem sie neue Wege beschreitet und erstklassige News-Sendungen vermarktet.»

Der No-Billag-Kopf hat aber bereits mit Freude bemerkt, dass sich die SRG etwas bewege und an Szenarien arbeite, wie es ohne Gebühren weitergehen könne. Dass dadurch weniger Personal gebraucht werde, bestreitet Kleeb nicht. Die heutige Situation bezeichnet er als «üppig». Es könne doch nicht sein, dass die SRG rund 340 Mitarbeiter nach Sotschi an die Olympischen Spiele schicke oder bei der letzten Bundesratswahl im September 238 Personen im Einsatz habe. Immerhin sei schon Bewegung in die Sache gekommen, indem statt der geplanten 250 SRF- Mitarbeiter nur deren 160 nach Pyeongchang in Südkorea fliegen werden.

Kleeb wirft Gegnern Angstmacherei vor

Den Gegnern der No-Billag-Initiative wirft Kleeb Angstmacherei vor. So würden sie bei einem Ja sagen: «Geniessen Sie die Zeit bis zum Abstimmungssonntag die Schweiz noch, dann geht sie unter.» Auch dass durch ein Zerschlagen der SRG die Demokratie leiden würde, verneint Kleeb: «Diese Institution gibt es schon viel länger als das Fernsehen und das Radio.» Das Gleiche gelte für den Zusammenhalt der Schweiz als Willensnation. Auch der Schutz von Minderheiten sei nicht in Gefahr: «Wo ein Marktversagen vorliegt, können staatliche Leistungsaufträge erteilt werden.» So zum Beispiel bei Sendungen für Rätoromanen oder Behindertengruppen. Aber solche Leistungen dürften nicht zu einem Vollprogramm führen.

«Die Medienlandschaft wird sich verändern»

«Wie auch immer die Abstimmung ausgehen wird», so betont Kleeb, «die Medienlandschaft wird sich verändern.» Die Zeit des linearen Fernsehens sei vorbei. Heute sei der Wunsch vorhanden, sich seine Nachrichten durch die Personifizierung selber zusammenzustellen. Auch müssten vermehrt Kooperationen gesucht werden. Die Geschichte lehre, dass Bewahren und Innovation sich wie Feuer und Wasser zueinander verhalten. Es hätten auch viele Firmen das Alte erhalten und im Neuen eine Rolle spielen wollen: «Alle, die das versucht haben, sind gescheitert.»

Andreas Kleeb glaubt an ein gutes Ende seiner Mission: «Ein Ja ist möglich.» Für dieses wird er in den kommenden Tagen und Wochen in der ganzen Schweiz herumweibeln. Nur einen Abend hält er sich frei: Am Mittwoch geht er jeweils auf den Wildspitz.

Schon wird über eine weitere Initiative diskutiert

Und welches Szenario sieht Kleeb, wenn die Initiative Schiffbruch erleidet: «Bei einem Nein ist die Diskussion über den Service public nicht beendet. Niemand kann uns mehr ignorieren.» Die Medienszene stehe vor weiteren fundamentalen Umbrüchen. So glaubt Andreas Kleeb, dass bei einem Nein wohl die SVP mit einer Initiative kommen werde, welche die TV-Gebühr bei 200 Franken pro Jahr deckeln will. So oder so spricht Andreas Kleeb von einem lohnenden Einsatz für «No Billag»: «Unsere Initiative hat schon vor der Abstimmung viel bewegt.»

Hinweis

Am Freitagabend steht in der «Arena» auf SRF 1 um 22.25 Uhr der neue Bundespräsident Alain Berset im Mittelpunkt. Die «Arena»-Sendungen über das Thema «No-Billag» vom 3. November 2017 und vom 5. Januar 2018 sind auf www.srf.ch/sendungen/arena zu finden.


Leserkommentare

Anzeige: