«Für 4000 Franken flieht niemand»

ZUG ⋅ Andreas Ackermann arbeitet mit Asylsuchenden zusammen, jeden Donnerstag kommt er dafür nach Zug. Er hilft ihnen aber nicht bei ihrer Integration, sondern bei ihrer Rückkehr. Dem Rückkehrberater ist es wichtig, dass diese in Würde stattfinden kann.
12. November 2017, 10:11

Interview: Christopher Gilb

christopher.gilb@zugerzeitung.ch

14 Geflüchtete sind letztes Jahr mit Unterstützung der staatlichen Rückkehrhilfe vom Kanton Zug in ihre Heimat zurückgekehrt. Beraten wurden sie dabei vom 35-jährigen Andreas Ackermann von der Caritas Schweiz (siehe Box). Er ist seit fünf Jahren für die Rückkehrberatung im Kanton Zug zuständig.

Andreas Ackermann, ist es nicht frustrierend, Menschen, die mit viel Hoffnungen kamen, bei ihrem Abschied begleiten zu müssen?

Das sehe ich nicht so. Natürlich kann man die Rückkehrhilfe als etwas Formelles betrachten und einfach abwickeln. Meine Motivation ist es aber, den Menschen eine Rückkehr in Würde zu ermöglichen. Indem sie eben nicht mit leeren Händen zurückkehren und die Chance auf eine Perspektive haben.

Welchen Hintergrund haben ihre typischen Klienten?

Wenn ein Asylsuchender einen negativen Entscheid auf sein Asyl­gesuch erhält, werde ich automatisch hinzugezogen. Dann wird die Rückkehrhilfe für einige zur Option. In einem früheren Stadium kommen sie eher selten. Sie kommen aus diversen Ländern, etwa Somalia oder Afghanistan. Je nachdem, aus welchen Regionen gerade geflüchtet wird oder bei welchen keine Asylanerkennung erfolgt. Teilweise kommen sie auch in einem früheren Abklärungsstadium oder manchmal sogar, wenn sie schon anerkannt wurden. Dann oft aus familiären Gründen, etwa weil der Vater gestorben ist und der Sohn sich jetzt um die Familie kümmern muss. Da wirkt das familiäre Pflicht­gefühl schon sehr stark.

Und dann kehren anerkannte Flüchtlinge auch in gefähr­liche Länder zurück?

Das kommt selten vor. Wenn es aber vorkommt, hat man eher ein mulmiges Gefühl und muss dann mit den Klienten genau besprechen, ob sie sich des Risikos bewusst sind, noch einmal eine Auslegeordnung machen und eine Pause bei den Gesprächen einlegen, um ihnen Bedenkzeit zu ermöglichen. Gerade wenn es sich um Familien handelt und die Kinder hier bereits die Schule besucht haben. Aber grundsätzlich sind es Erwachsene, die selbst entscheiden können.

Wie läuft eine solche Rückkehrberatung praktisch ab?

Wer sich zur Rückkehr entschliesst und zudem in der Schweiz nicht straffällig geworden ist, dem wird der Flug bezahlt und er erhält 1000 Franken, die an keinen Verwendungszweck gebunden sind. Dann gibt es noch die Möglichkeit, bis zu 3000 Franken für den Aufbau eines Geschäfts in der Heimat zu erhalten. Meist geht es um eine Art von Kiosk. Dafür muss ich dann aber mit den Klienten einen Businessplan erstellen. Die Umsetzung wird vor Ort dann durch die Organisation für Migration (IOM) im Auftrag des Bundes überwacht. Man erhält also im Normalfall nicht die 3000 Franken in bar, sondern muss anhand von Quittungen nachweisen, dass man diese entsprechend dem Businessplan verwendet.

Und das funktioniert?

Grundsätzlich bin ich nur für die Beratung zuständig. Mein Auftrag ist sozusagen schon dann erfolgreich erledigt, wenn die Person mit einer gewissen Zuversicht zurückkehrt. Die Umsetzung des Businessplans und die Koordination vor Ort übernimmt die IOM. Aber teilweise geben mir die Zurückgekehrten auch direkt Rückmeldung. Wenn diese negativ ist, geht es meistens darum, dass sie am liebsten ihr Geschäft gleich eröffnen würden, das ganze Verfahren mit den Quittungen aber eben eine gewisse Zeit benötigt und sie ungeduldig sind.

Viele Flüchtlinge verschulden sich, um überhaupt nach Europa zu kommen. Was bringt die Rückkehrhilfe, wenn sie gleichzeitig Schulden abbezahlen müssen?

Das ist eine gute Frage, und das sagen wir den Flüchtlingen auch, für die Schulden ist die Hilfe nicht da. Deshalb ist sie ja zweckgebunden und auf 3000 Franken beschränkt. Sie müssen dann eben versuchen, mit dem Geschäft genug zu verdienen, um die Schulden zu begleichen. Aber realistisch gesehen ist das schwierig. Denn schon die 3000 Franken sind knapp bemessen.

Gibt es für jedes Land Rückkehrhilfe?

Ja. Aber in einigen Ländern, wie beispielsweise Somalia, wo aus­serhalb von Mogadischu Chaos herrscht, ist einfach die Organisation für Migration (IOM) nicht aktiv, sodass die Schweiz die lokale Verwendung der Rückkehrhilfe nicht koordinieren kann und diese deshalb komplett ausbezahlt wird.

Wie vergewissern Sie sich, dass der Businessplan ­realistisch ist?

Das kann ich nicht. Meine Aufgabe ist es, den Personen klarzumachen, dass es dabei um ihre Zukunft geht. Man muss wissen, während der ganzen Flucht lernen sie, sich durchzumogeln, um es überhaupt erst nach Europa zu schaffen. Doch bei der Rückkehrberatung bringt ihnen diese ­Strategie nichts, denn wer einen unrealistischen Businessplan erstellt, bekommt kein Geld oder vertut eine einmalige Chance.

Immer wieder gibt es auch Kritik an der Rückkehr­beratung. Sie würde falsche Anreize schaffen.

Ich glaube nicht, dass jemand für maximal 4000 Franken die beschwerliche und teure Flucht auf sich nimmt. Doppelte Rückkehrhilfe gibt es zudem nicht. Wer in einem anderen Land registriert wurde, erhält von der Schweiz keine 4000 Franken mehr. Ausserdem lohnt sich die Hilfe auch für die Kantone, denn jede einzelne Ausschaffung würde um einiges mehr kosten. Zudem wird die Rückkehrberatung vollständig vom Bund finanziert.


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