Bildung: Besteht eine Gefahr für die Chancengleichheit?

BILDUNG ⋅ Im Rahmen des Sparprogramms sollen Schüler an kantonalen Schulen bald ihre eigenen Laptops mitbringen, scheinbar auch an Untergymnasien. Jetzt stellt die Alternative – die Grünen dem Regierungsrat kritische Fragen.
12. April 2018, 05:00

Christopher Gilb

christopher.gilb@zugerzeitung.ch

Ab diesem Sommer müssen Schülerinnen und Schüler der Kantonsschule Menzingen ihren eigenen Laptop in den Unterricht mitnehmen. Dies im Rahmen des Prinzips «Bring your own device», auf Deutsch «bring dein eigenes Gerät mit». Dies wird derzeit an allen kantonalen Schulen eingeführt. Insgesamt sollen so 1,1 Millionen Franken im kommenden Jahr im IT-Bereich eingespart werden.

Die Berichterstattung über die Einführung in Menzingen (Ausgabe vom 28. März) hat Anastas Odermatt und Rita Hofer (beide Alternative – die Grünen) nun veranlasst, eine Interpellation an die Regierung zum Thema einzureichen. «Dass Schülerinnen und Schüler in der Kantonsschule ab einer gewissen Stufe mit ihren eigenen Geräten arbeiten, finde ich ja nachvollziehbar und sinnvoll, das müssen sie beispielsweise an der Uni oder im Job später ja auch», sagt der Fraktionschef der ALG, Anastas Odermatt, auf Nachfrage. Überrascht habe ihn aber, dass die Umstellung, gemäss Generalsekretär der Bildungsdirektion, Lukas Fürrer, auch das Untergymnasium betreffe.

«Eine fragwürdige Rechtfertigung»

Fürrer bezieht sich auf ein Bundesgerichtsurteil von 2007, welches besagt, dass ein Kanton seine Pflicht gemäss Verfassung erfülle – diese verlangt einen unentgeltlichen Grundschulunterricht während der obligatorischen Schulzeit –, wenn er den Unterricht an einer Volksschule anbietet. Die Gymnasien würden damit nicht in den Schutzbereich fallen. «Ich finde dies eine fragwürdige Rechtfertigung, denn ich könnte mir vorstellen, dass es für eine Familie mit drei Kindern in entsprechendem Alter nicht einfach ist, drei Laptops zu finanzieren», so Odermatt. «Da sehe ich die Chancengleichheit in Gefahr.»

Gemäss der Kantonsschule Menzingen stehen dort für Kinder aus einkommensschwachen Familien auch gebrauchte Geräte zur Verfügung, welche für 50 bis 100 Franken erworben werden können: «Ich frage mich, ob dies in den anderen Schulen auch so ist», sagt Odermatt. Denn gemäss Bildungsdirektion betrifft der Löwenanteil der Sparmassnahmen die Kantonsschule Zug, da diese derzeit die höchsten IT-Kosten habe.

In der Interpellation wollen Odermatt und Hofer zum Themenbereich Finanzen nun erst einmal wissen, ob wirklich alle kantonalen Schulen inklusive Untergymnasien betroffen sind – und falls ja, wie der Regierungsrat die Strategie in Bezug auf die Chancengleichheit beurteilt. Ob flankierende Massnahmen für einkommensschwache Familien angedacht sind und ob es gewisse technische Vorgaben bei den Geräten gibt.

Zudem würden gemäss diversen Medienberichten andere Kantone gerade wegen der Unentgeltlichkeit der obligatorischen Schulzeit den Ansatz nicht umsetzen. Wie die Regierung denn diesen Fakt beurteile, so die Frage.

Sorge um technische Kompatibilität

Doch nicht nur finanzielle Fragen treiben die Interpellanten um, sie wollen auch wissen, wie Praxiskompatibel das System überhaupt ist. «Ich habe auch schon Unterricht gegeben. Wenn jeder einen eigenen Laptop dabei hat, dauert es alleine schon einige Zeit, bis alle Geräte einsatzbereit sind und die entsprechenden Programme laufen», so Odermatt. Die beiden Interpellanten fragen deshalb, wie der Unterricht funktionieren soll, wenn jeder mit einem eigenem Gerät ankommt, ob es freie Anwendungen gibt oder Lizenzkosten und ob die Schülerinnen und Schüler gezwungen werden, das Produkt eines spezifischen Herstellers anzuschaffen – und falls ja, wer diesen auswählt. Zudem wird danach gefragt, welcher technischer Support den Schülern während des Schulalltags zur Verfügung steht.

Und dann wollen die beiden ALG-Politiker auch noch etwas angriffig wissen, wie die Regierung die Tatsache beurteilt, dass nun im Rahmen eines eigentlich vom Volk abgelehnten Sparpakets Digitalisierungskosten an Familien und damit an die Bevölkerung ausgelagert werden. Die Antworten der Regierung stehen noch aus.


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