Giovanni, der Aal

NEUHEIM/ZUG ⋅ Seit vielen Jahren hält ein Zuzüger, dessen Schicksal bereits besiegelt schien, die Angestellten des Fischereimuseums auf Trab. Die Geschichte einer besonderen Beziehung.
14. Juni 2017, 05:00

Raphael Biermayr

raphael.biermayr@zugerzeitung.ch

Giovanni ist schleimig. Diese Beschreibung bemüht nicht etwa ein Südländerklischee, sondern ist eine natürliche Tatsache: Giovanni ist ein Aal. Er lebt seit knapp drei Jahren im Zuger Fischereimuseum in der Unteraltstadt. Ein Besuch dort zeigt, dass er der einzige Fisch mit einem Namen ist, was auf eine besondere Geschichte schliessen lässt.

Christoph Bossard kann diese erzählen. Der Hobbyfischer aus Neuheim taufte den Aal, nachdem er ihn vor zehn Jahren aus dem Zugersee gezogen hatte. Die drängendste Frage zuerst: Warum ausgerechnet Giovanni? «Weil er Hasli verschlingt wie Italiener Sardellen», erklärt Bossard und lacht ein Reibeisenlachen. Für Nichtfischer: Hasli sind kleine Fische, die in den hiesigen Seen häufig vorkommen und ein beliebtes Mahl für Raubfische sind.

Ein kaltblütiger Räuber ist Giovanni tatsächlich. Adrian Enzler vom Fischereimuseum staunte, als er Hechte «von 35, 40 Zentimetern» aus dem Aquarium retten musste, nachdem sie von Giovanni «verhudlet» worden waren.

Nichtangriffspakt mit der Hauskatze

Nein, der Solitär, duldet keine Mitbewohner. Das war schon so, als er während sieben Jahren in einem Aquarium in der Werkstatt von Christoph Bossard lebte und selbst dem grossen Goldfisch schwer zusetzte. Die Katze immerhin habe Giovanni in Ruhe gelassen – und umgekehrt. Der Charakterkopf mit dem Unterbiss mag auch kein Grünzeug: Mit schnellen Bewegungen wirbelt er den Grund auf und reisst damit Aquariumpflanzen aus.

Aale sind selten geworden, nicht nur im Zugersee. In der Karibik geschlüpft, nehmen sie eine Reise von über 5000 Kilometern auf sich, um in den europäischen Gewässern die Geschlechtsreife zu erlangen. Viele werden von Kraftwerken und anderen menschgeschaffenen Hürden daran gehindert. Wenn sie es dennoch geschafft haben, nehmen die Aale die beschwerliche Reise schliesslich zum zweiten Mal auf sich, um zum Laichen an ihren Geburtsort zurückzukehren und entkräftet zu verenden.

In Freiheit werden Aale über 50 Jahre alt. Als gepäppelte Gefangene haben sie gar eine voraussichtliche Lebenserwartung eines westeuropäischen Menschen: mindestens 80 Jahre. Giovanni ist aus dem natürlichen Zyklus gerissen worden, weil er an einem lauen Abend zwischen Walchwil und Oberwil einem Wurm nicht widerstehen konnte.

Vom Boden ins Fischereimuseum

Nicht, dass er nicht versucht hätte zu fliehen: Bossard fand Giovanni eines Tages am Boden der Werkstatt, «er hatte sich durch einen Spalt im Deckel gezwängt». Als das Aquarium leckte – der Aal war hierbei ohne Schuld –, fragte Bossard schliesslich seinen Bekannten Adrian Enzler, ob Giovanni im Museum unterkommen könnte. Enzler nahm ihn gern, schliesslich erinnerte ihn der Aal an seine Schulzeit im «Loreto» in Zug, wo der Abwart sich ein Exemplar gehalten habe. «Genau! Den habe ich auch gesehen, damals in der Schule!», sagt Bossard, der in der Stadt aufgewachsen ist und später mit seiner Familie nach Neuheim gezogen ist. Vielleicht ist es diese Kindheitssentimentalität, die ihn daran hinderte, seinen ursprünglichen Plan in die Tat umzusetzen: Giovanni die Wirbelsäule zu durchtrennen und ihn für den Verzehr zu räuchern.

Vielleicht war es auch dessen aufmüpfige und störrische Art, die ihn beeindruckte. Aus dem üblichen Fischer-Posen-Foto des Fangs wurde nichts, weil sich Giovanni wand und Bossard ihn nicht festzuhalten vermochte. So zeigt die Aufnahme einen jungen Aal auf dem Boden vor den Füssen des Fischers.

Griesgrämig zum Abschied

«Er ist gross geworden – und fett», sagt Christoph Bossard halb scherzend, halb stolz, als er beim Besuch im Fischereimuseum einen letzten Blick ins Aquarium wirft. Giovanni, der Aal, hat sich im Sand eingegraben und fixiert die Gaffer. Es ist ein mürrischer Blick.


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