Grosse Ehre für aussergewöhnliche Übersetzer

ZUG ⋅ Die Berlinerin Eveline Passet wird mit dem Zuger Übersetzer-Stipendium 2017 ausgezeichnet. Der Zuger Anerkennungspreis geht an Andreas Nohl aus Augsburg.
12. Juni 2017, 09:00

Rund 100 Personen wurden am Sonntag in der Chollerhalle in Zug Zeugen einer feierlichen Verleihung des Zuger Übersetzer-Stipendiums 2017. Die mit 50 000 Schweizer Franken dotierte Auszeichnung ging an die in Berlin wohnhafte Eveline Passet für die Übersetzung der Tagebücher des Russen Michail Prischwin. Der Berliner Verleger Sebastian Guggolz betonte in seiner Laudatio: «Die Übersetzungen von Eveline Passet vermitteln einen grandiosen Einblick in die grossartigen Werke Prischwins, der zum Juwel der wahren Selbsterhaltung seine eigene Erhaltung aufs Spiel gesetzt hat.» In seinen Tagebüchern prangere er schonungslos die verlogene Moral der russischen Obrigkeit an. Sebastian Guggolz verstand es ausgezeichnet, das Interesse des aufmerksam zuhörenden Publikums zu wecken, als er aus Prischwins Tagebuch aus dem Jahr 1930 zitierte: «Glücklich werden unsere Erben sein, die unsere Zeit nur lesen werden.» Mit diesen Zeilen habe Prischwin seine eigene Mischung aus Melancholie und Nachlebensbewusstsein zum Ausdruck gebracht, bemerkte Guggolz, ehe er nachschob: «Glücklich schätzen können sich nun diejenigen, die davon in der Übersetzung von Eveline Passet lesen werden.»

Tiefberührte Preisträgerin

Eveline Passet verschlug es fast die Sprache, als sie das Zuger Übersetzer-Stipendium aus den Händen von Jürg Scheuzger, dem Präsidenten der Zuger Übersetzer, entgegennehmen durfte. Tiefberührt bedankte sie sich herzlich für die ihr zuteilgewordene Ehre, ehe sie zufrieden lächelnd konstatierte: «Nun ist es das Projekt, die Tagebücher Prischwins vollständig ins Deutsche zu übersetzen und sie im Berliner Guggolz-Verlag zu veröffentlichen.» Heiterkeit und Nachdenklichkeit zugleich löste Eveline Passet aus, als sie die nachfolgende Textpassage aus Prischwins Tagebüchern vorlas: «Jeder Hund hat, wie auch jeder Mensch, seinen persönlichen Ausdruck, der sich im Zuge wachsender freundschaftlicher Beziehungen offenbart. Nerl war zu einer überaus graziösen, koketten und feinfühligen Hündin herangewachsen. Aber auf Geheiss Pfötchen zu geben, konnte ich ihr nie beibringen, so sehr ich mich auch bemühte, weil sie nämlich gleich beim ersten Mal begriff: Das Pfötchengeben ist keine ernste Sache, sondern Spass, sprich, damit lässt sich spielen.»

Weitere Preise wurden vergeben

Der Zuger Anerkennungspreis 2017 in der Höhe von 10000 Schweizer Franken ging an Andreas Nohl aus Augsburg für die Übersetzung der Werke von Edgar Allan Poe für den DTV-Verlag. Laudator Ulrich Blumenthal bezeichnete Nohl als «Übersetzer ohne Berührungsängste für fachsprachliche Fremdwörter», dem eine kleine Quadratur des Kreises gelungen sei.

Der von Bruno De Nicolo aus Oberwil bei Zug und seiner Frau gespendete Zuger Contenance-Preis für Verdienste um die Literatur ging an Beatrice Maritz und Andreas Grosz von der Edition Pudelundpinscher, Wädenswil.

Der Zuger Pianist Tobias Rütti umrahmte die stilvollen Preisverleihungen mit zur Feier passenden Stücken aus den «Visions fugitives» von Sergej Prokofjew.

 

Martin Mühlebach

redaktion@zugerzeitung.ch


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