Gesundheitspolitik erschwert Suche nach Praxis-Nachfolgern

ZUG ⋅ Reto Godly, Pneumologe und Internist, gibt seine Praxistätigkeit in der Stadt nach 34 Jahren auf. Einen Nachfolger hat er nicht gefunden. Laut Godly gehen die politischen Entscheide am Patienten vorbei.
17. April 2018, 07:52

Andrea Muff

andrea.muff@zugerzeitung.ch

Reto Godly steht am Fenster seines Büros im sechsten Stock der Bahnhofstrasse 32 in Zug und blickt auf den Zugersee und das Bergpanorama. «Die Aussicht ist wunderschön», sagt der Arzt mit einem Lächeln. Gleichzeitig wirkt der 68-jährige Pneumologe und Internist nachdenklich, denn seine Praxis wird nur noch bis Ende Juni bestehen, dies hat er im Zuger Amtsblatt publiziert. Einen Nachfolger hat er laut Anzeige nicht gefunden. Schon seit 14 Jahren praktiziert der Mediziner in diesen Räumen, vorher führte er 20 Jahre lang eine Doppelpraxis mit seiner Frau Trude an der Seestrasse. Reto Godly ist spezialisiert auf Lungenkrankheiten und arbeitet gleichzeitig auch als Hausarzt. Seine Frau ist Allgemeinmedizinerin. Bevor sie sich aus ihrem Beruf zurückgezogen hat, praktizierte sie ebenfalls im Vollpensum.

Die Praxis aufzulösen, ist für Godly kein leichtes Unterfangen. Er gibt zu, dass er vor ein paar Wochen eine depressive Phase hatte. «Ich war unentschlossen und musste mich für eine neue Richtung entscheiden», erklärt er. Er habe gewusst, dass er sich irgendeinmal zurückziehen müsse. «Das ist nicht leicht – nach 34 Praxis-Jahren mit einem 100-Prozent-Pensum.» Doch einfach so aufhören wollte Godly nicht. «Ich habe lange nach einem Nachfolger gesucht», gibt der Pneumologe zu. Es habe auch etliche Interessenten gegeben: Doch als der letzte vor vier Wochen sein Angebot zurückgewiesen habe, seien die Würfel gefallen: «Ich habe für mich selbst beschlossen, dass es – Nachfolger hin oder her – Zeit ist, die Praxis aufzugeben.»

Die Zukunft gehöre den Gruppenpraxen

Reto Godly macht dafür aber auch die heutige Gesundheitspolitik verantwortlich. «Die Politik macht der Ärzteschaft das Leben schwer», ist er sich sicher. Er spricht den regierungsrätlichen Beschluss vom letzten Jahr bezüglich erhöhter Anforderungen an die Neuzulassung von Ärzten an und die Tarifreduktion des Bundesrates ab 1. Januar 2018, welche den Umsatz aber nicht die Betriebskosten einer Praxis deutlich schmälert. Auf diese Tatsachen nimmt Godly in seiner Anzeige im Zuger Amtsblatt Bezug: «Die Zukunft der ambulanten Medizin scheint in der Gruppenpraxis mit Teilzeitärzten zu liegen. Immer mehr Investoren wirken da im Hintergrund.» Reto Godly findet treffende Worte: «Ich bin traurig darüber, dass die ambulante Medizin unpersönlicher wird. Der Hausarzt als selbstständiger engagierter Einzelkämpfer wird seltener. Die politischen Entscheide gehen am Patienten vorbei.»

Er werde die Gesundheitspolitik weiterhin verfolgen. Denn auch sein Sohn hat Medizin studiert und befinde sich in Ausbildung. «Für mich war es das beste Studium – es hat mir entsprochen und trotz der 1968er-Jahre einfach gut gefallen. Wahrscheinlich hat sich unser Sohn Konstantin von meiner Schwärmerei anstecken lassen», sagt Godly mit einem verschmitzten Lächeln. Die Praxis seinem Sohn zu übergeben, sei aber nie ein Thema gewesen. «Er möchte sich in einer anderen Spezialisierung ausbilden und keine eigene Praxis eröffnen», stellt der 68-Jährige fest.

Die Krankengeschichten sind zentimeterdick

Für Reto Godly war die Entscheidung eine Praxis in der Stadt Zug zu eröffnen, genau das richtige gewesen. So bezeichnet er die 34 Praxis-Jahre als spannendsten Roman seines Lebens. «Ich sehe meine Praxis als Bibliothek: Jeder Mensch ist ein Buch, aus dem ich ein Kapitel lesen darf», sagt der Arzt, der seine Erklärungen gerne mit Gesten untermauert. «Ich versuche daraus zu lesen und richtig zu interpretieren und stelle es danach wieder ins Regal. Im Laufe der Zeit liest man vielleicht mehrere Kapitel. Plötzlich ist da eine riesige Bibliothek. Einige Bücher fallen auch weg. Was zurückbleibt, ist‹meine› Bibliothek: Krimis, Liebesromane, Sachbücher, Kriegsgeschichten und so weiter.» Auf dem Regal hinter Godly liegen einige solcher Krankengeschichten, die über mehrere Zentimeter dick sind. Alle Beschwerden oder Erklärungen sind von Hand geschrieben, illustriert mit Zeichnungen. «Ich halte nicht viel von Computern. Meine Handnotizen zeigen dem Patienten auch, dass er mir wichtig ist. Ich versuche zuzuhören.» Und er stellt Fragen. Für Reto Godly etwas, dass er am meisten vermissen werde: «Als Doktor darf ich alles fragen, egal, wie intim und ungewöhnlich. Ich suche nach der Wahrheit.» Fragen seien gemäss gewissen Philosophen «obszön», aber sie seien die Essenz der ärztlichen Tätigkeit. Godly lächelt und meint: «Ich bin kein weiser Mann, aber habe viel Lebenserfahrung.»

Wohin ihn diese Erfahrungen tragen werden, will der 68-Jährige noch nicht festlegen: «Ich nehme alles vorweg.» Erst einmal geht der Reisefreudige mit seiner Familie nach Alaska. Und wer weiss, vielleicht beginne er auch noch ein neues Studium. Mit Lachfältchen um die Augen sagt er: «Das hat meine Frau nach ihrer Pension auch getan, und ich darf ihr ja in nichts nachstehen.»


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