Thomas Aeschi: «Ich wollte die Hörner lieber nicht zu nahe am Körper»

ZUG ⋅ Der Politiker und die Kuh – Lulu heisst das Tier der Rasse Eringer, und es gehört dem Zuger Nationalrat Thomas Aeschi. Für ihn ist sie eine Investition und doch viel mehr.
14. August 2017, 05:00

Interview: Zoe Gwerder

zoe.gwerder@zugerzeitung.ch

Der Zuger SVP-Nationalrat Thomas Aeschi hat vor rund zwei ­Jahren eine Eringerkampfkuh ­gekauft – Lulu. Sie weilt nun bei Parteikollege Toni Brunner auf dem Hof im Toggenburg. In diesem Sommer hat der Nationalrat aber eine andere Kuh zum Kampf geführt.

Thomas Aeschi, was fas­ziniert Sie an den Eringer­kühen?

Der Kampfgeist. Ich finde es eindrücklich, wenn im Ring zwei schwere Damen gegeneinander antreten und die Siegerin ermitteln. Eringer sind – wie andere Kühe – sehr lieb, aber sie haben ein starkes Hierarchiedenken. Bei Kuhkämpfen und auf den Alpen werden nur trächtige Kühe zugelassen. Sie sind kultivierter und kämpfen fair. Sobald sich eine Kuh abwendet, ist der Kampf beendet.

Wie muss man sich die Organisation eines solchen Kampfes vorstellen?

Es gibt strukturierte Wettkämpfe, bei welchen die Einteilungen von den Veranstaltern vorgenommen werden. Daneben gibt es aber auf den Alpen auch die Krönung der Alpkönigin. Dort wählen sich die Kühe ihre ­Gegnerinnen selbst aus. Erfahrene Schwergewichte suchen sich dann meistens eine Herausforderung und kämpfen gegen ähnlich starke Kühe. Rinder, die zum ersten Mal mitmachen, schauen vielleicht nur zu oder kämpfen auch mal untereinander mit ebenbürtigen Gegnerinnen.

Hat Lulu auch schon gekämpft?

Ja, den letzten Sommer hat Lulu auf der Alp Tschorr im Wallis verbracht und während dieser Zeit viel Kuhkampferfahrung gesammelt. Lulu ist inzwischen viereinhalbjährig und hätte eigentlich auch in diesem Sommer wieder an den Wettkämpfen teilnehmen sollen. Leider ist sie heuer aber nicht trächtig geworden, womit sie nicht zu den Kämpfen zugelassen wurde. Deshalb verbringt sie ihren Sommer bei meinem Ratskollegen Brunner im Toggenburg. Im Herbst versuchen wir wieder, sie decken zu lassen.

Werden sie über das Wohl Ihrer Lulu auf dem Laufenden gehalten?

Auf jeden Fall. In regelmässigen Abständen erhalte ich Bilder von ihr per SMS aus dem Toggenburg.

Haben Sie sie auch selber schon gepflegt oder gefüttert?

Ja, aber nur während meiner Besuche im Toggenburg. Dann nehme ich Belohnungsguetzli mit. Diese sind eigentlich für Pferde, aber die Kühe mögen sie fast noch lieber. Lulu liebt diese. Sie hat auch schon zwei Stierkälber zur Welt gebracht. Bei der letzten Geburt erhielt ich eine Nachricht von Toni Brunner und fuhr zu ihm ins Toggenburg. Als ich ankam, war das Kalb jedoch schon auf der Welt. Ich war etwas enttäuscht. Kurz darauf sah ich jedoch nebenan, dass bei einer anderen Kuh bereits die Beine eines Kälbchens herausschauten. So kam ich trotzdem zum Geburtserlebnis. Toni gab mir eine Schürze, und ich durfte bei der Geburt mithelfen. Das war eine etwas nasse Angelegenheit, aber das gehört natürlich dazu. Es war ein sehr eindrückliches Erlebnis.

Wie kamen Sie überhaupt dazu, sich ein solches Tier zuzulegen?

Eine Gruppe um Toni Brunner hat mit der Zucht von eigenen Eringer­kühen begonnen. Das braucht Fleiss und Geduld. Ich liess mich für dieses Vorhaben begeistern. Wer weiss, vielleicht gibt es ja in naher Zukunft sogar einmal einen Kuhkampf in unserer Nähe.

Erfolgreiche Kampfkühe legen an Wert zu. Ist Lulu für Sie eine Investition?

Das kann man auf jeden Fall so anschauen. Bei Erfolg gewinnt sie an Wert, und auch der Nachwuchs kann lukrativ sein: Eine Eringerkuh, die alt wird, wirft in ihrem Leben bis zu zehnmal. Wenn alles Kuhkälber wären, gäbe es einiges her. Klar ist es für mich nicht der Hauptzweck, mit einer Eringerkuh grossen Gewinn zu erzielen. Aber ich bin ja Ökonom, und da möchte man sein Geld auch gut investieren.

Und? Hatten Sie ein gutes Händchen bei dieser Investition?

Lulu entwickelt sich sehr gut. ­Allerdings haben Eringerkühe manchmal Mühe mit der Trächtigkeit, was nun auch bei ihr nach den ersten zwei Geburten der Fall ist. Jetzt braucht es Geduld.

Was macht den Unterschied zwischen den einzelnen Kühen aus?

Es kommt auf den Charakter der Tiere an, auf deren Intelligenz, aber auch auf physische Merkmale.

Eringer gelten gemäss Wikipedia als «anspruchslos und anpassungsfähig». Sehen Sie sich darin wieder?

(Lacht.) Mir gefallen diese Kühe, weil sie eine sehr alte Rasse sind. Das Karge, das Anspruchslose, der Charakter, der durchhält und zäh ist, auch wenn es einmal regnet oder wenig Futter vorhanden ist, das spricht mich an. Weiterkämpfen, auch wenn die Situation nicht die einfachste ist: Da erkenne ich mich wieder.

Sie haben eine andere Kuh in diesem Sommer zum Kampf geführt – Sheila. Wie haben sie selber diesen Moment erlebt, als sie das muskulöse Tier zum Kampf führten?

Die Anspannung war ziemlich hoch. Denn schon am Morgen, als wir in den Stall kamen, haben wir gesehen, dass einzelne Kühe, die zu wenig kurz an­gebunden waren, miteinander kämpfen wollten. Die Tiere sind parat für den Kampf. Sie sind sehr muskulös und einem physisch deutlich überlegen. Da muss man seinen eigenen Willen durchsetzen, ohne das Tier zu reizen.

In der NZZ wurde geschrieben, dass Sie der Kuh etwas viel Abstand liessen und diese eher Sie führte als umgekehrt ...

Ich wollte die Hörner lieber nicht so nahe an meinem Körper, ­weshalb ich die Halfter etwas locker hielt. Herzklopfen hatte ich schon ein wenig, denn ein solcher Moment ist unberechenbar: Teilweise drücken die Tiere von hinten, oder die vordere Kuh ist unruhig. Da muss man gut schauen, dass man Herr der Lage bleibt. Es sind Kampfkühe und keine Kälber zum Streicheln wie zum Beispiel an der Zugermesse.

Gibt es einen Trick, um die Tiere ruhig zu halten?

Ja, ein erfahrener Züchter hat mir einen Tipp gegeben: Er hat immer altes Brot bei sich in den Taschen. So geht das ganz einfach: Man gibt den Kühen etwa alle 10 Meter ein Stückli Brot. So werden sie von den anderen Kühen weniger abgelenkt. Den Rat habe ich dann auch befolgt.

Dann ist es einfach wichtig, dass das Brot bis zum Kampfplatz reicht ...

(Lacht.) Ja genau, aber das habe ich wohl etwas zu wenig beachtet: Nach drei Vierteln des Weges waren meine Taschen leider leer. Es ging dann beim letzten Teil auch ohne Brot, da war ich sehr froh.


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