In der Tiefe des Zugersees schlummert der Phosphor

GEWÄSSER ⋅ Der Zustand des Zugersees ist oberflächlich gut und vor allem weit besser als in der Vergangenheit. Und trotzdem: Ganz gesund wird der Zugersee wohl erst im nächsten Jahrhundert.
17. Juli 2017, 05:00

Samantha Taylor

samantha.taylor@zugerzeitung.ch

Sein Ruf war lange Zeit nicht der Beste. Worte wie Tümpel, Pfütze oder sogar Dreckloch musste er in der Vergangenheit immer wieder über sich ergehen lassen. Seit einigen Jahren hat sich sein Zustand jedoch stetig verbessert und damit auch sein Ruf. Trotzdem: Richtig gesund ist der Zugersee noch immer nicht. Das zeigt die jüngste Studie, die das Eawag, das Wasserforschungsinstitut der ETH, in Zusammenarbeit mit dem Amt für Umweltschutz des Kantons Zug im vergangenen Jahr erstellt hat. Das Fazit: Oberflächlich geht es dem See gut, sein Leiden liegt in der Tiefe.

Beim Zugersee zeigen sich nach wie vor die Folgen des früheren übermässigen Nährstoffeintrags aus der Siedlungsentwässerung und der Landwirtschaft. Das Hauptproblem ist der Phosphorgehalt. Laut der jüngsten Studie weist der See heute rund 80 Milligramm Phosphor pro Kubikmeter auf. Damit liegt er an der Spitze der nährstoffreichsten Seen der Schweiz. An zweiter Stelle folgt – mit einem deutlich tieferen Phosphorwert – der Baldeggersee. Damit der Zugersee als ganz gesund eingestuft werden könnte, müsste er einen Phosphorgehalt von maximal 30 Milligramm pro Kubikmeter erreichen. So schreibt es die eidgenössische Gewässerschutzverordnung vor. Diesen Wert wies das Gewässer zu Beginn des 19. Jahrhunderts zuletzt auf. Und zu diesem Zustand will man zurück.

Zustand hat Folgen für Seebewohner

Doch dieses Ziel ist, so geht aus der Studie des Eawag hervor, noch in ziemlich weiter Ferne. Der Weg dahin wird beim Zugersee deutlich länger dauern als andernorts. Schuld daran ist zum einen die lange hydraulische Aufenthaltszeit des Seewassers. «Gemeint ist damit die mittlere Verweilzeit des Wassers im See, also wie lange sich das Wasser im See aufhält. Es sind rund 14 Jahre», sagt Bruno Mathis, Leiter der Abteilung Wasser beim Amt für Umweltschutz des Kantons Zug. Der Zugersee gehört neben dem Sempacher- und dem Genfersee zu den am wenigsten durchflossenen Seen in der Schweiz.

Zum anderen hängen die schlechten Werte auch mit den grossen Nährstoffdepots im See und der damit verbundenen chemischen Dichteschichtung zusammen. Vereinfacht gesagt bedeutet dies, dass das Wasser im Zugersee aufgrund seiner Tiefe einerseits, der schlechten Durchspülung andererseits und schliesslich wegen des hohen Nährstoffgehalts in der Tiefe so gut wie nie ganz umgewälzt wird. Die kalten, mit viel Phosphor versehenen Wasserpakete bleiben in der Tiefe liegen und belasten damit den See (siehe Kasten). Der Klimawandel verstärke diese Tendenzen ausserdem zusätzlich, heisst es in einem Bericht des kantonalen Amts für Umweltschutz zum Thema.

Dieser Zustand hat auch Folgen für die Bewohner des Sees. Eine direkte Konsequenz ist beispielsweise laut Bruno Mathis der ungenügende Sauerstoffgehalt im Tiefwasser des Sees. Dieser Umstand schränkt den Lebensraum für Fische ein. «Aufgrund der praktisch sauerstofflosen Verhältnisse unterhalb von ungefähr 120 Metern Tiefe können sich die Fische im Zugersee nicht mehr natürlich verlaichen», erklärt der Leiter der Abteilung Wasser.

Weitere Massnahmen sind kostspielig

Dies wird sich wohl auch nicht so bald verändern. Die Studie des Eawag kommt nämlich zum Schluss, dass eine vollständige Sanierung des Zugersees lange braucht. Den gewünschten Phosphorgehalt werde man auch Ende dieses Jahrhunderts noch nicht erreicht haben. «Dass die Sanierung des Zugersees ohne zusätzliche Massnahmen erst nach dem Jahr 2100 erreicht sein wird, ist natürlich etwas ernüchternd», sagt Bruno Mathis. Allerdings kommen die Ergebnisse für den Experten auch nicht ganz überraschend. Die Verlangsamung der Abnahme des Phosphorgehalts habe sich abgezeichnet. Würde man raschere Ergebnisse in der Tiefe des Sees erzielen wollen, bräuchte es seeinterne ­komplexe Massnahmen. Zu solchen zählen etwa eine künstliche Belüftung oder gar die Klärung und Ableitung des Tiefenwassers. Solche Massnahmen kosten jedoch viel Geld und sind hochpolitisch.

Mathis selbst will aus der aktuellen Studie keine voreiligen Schlüsse ziehen. Die Ergebnisse bestätigen, was man schon 2010 festgestellt habe, nämlich, dass sich der Zugersee nur sehr langsam dem gewünschten Zielzustand annä­here. «Die Studie dient somit als Grundlage für die Evaluation möglicher zusätzlicher Massnahmen», so Mathis. Für eine Entscheidung massgebend sein werden dabei die Wirksamkeit, der Zeitfaktor, die Umsetzbarkeit und eben die Kosten. All das müsse nun geprüft werden. «Eine Aussage zu konkreten möglichen Massnahmen zu machen, ist heute zu früh», sagt Mathis. Zentral sei, dass die see-externen Massnahmen wie der Ausbau der Abwasserreinigung oder der Nährstoffrückhalt in der Landwirtschaft, die bereits umgesetzt werden, auch weiterhin konsequent verfolgt werden.

Um den Zugersee nun nach seiner Rehabilitation nicht wieder in Verruf zu bringen und Ausdrücken wie eingangs erwähnt, neuen Auftrieb zu verschaffen, hält Mathis abschliessend fest: «Der Zugersee ist schon heute ein sehr schönes Gewässer. Die Badewasserqualität ist sehr gut. Für die ganze Gesundung braucht es einfach noch etwas Zeit.»


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