Überbauung Grossmatt in Walchwil: Bauernfamilie macht sich Sorgen um die Zukunft

WALCHWIL ⋅ Die Überbauung Grossmatt ist nach zehnjährigen Rechtsstreitigkeiten bewilligt worden. Die Nachbarsfamilie fürchtet nun um ihre Existenz. Der Bauernverband stellt eine düstere Prognose.
11. April 2018, 05:00

Raphael Biermayr

raphael.biermayr@zugerzeitung.ch

Verrückt werden wollte er nicht wegen dieser Sache, sagt Josef Hürlimann (56). «Man hintersinnt sich mit der Zeit, wenn das gopferdammi immer so weitergeht», sagt er und schlägt mit der Faust auf den Küchentisch, «aber man muss auch mal loslassen können». Der Grund für seinen Unmut ist die Überbauung Grossmatt, die oberhalb der St. Antonius-Kapelle gebaut werden und an Hürlimanns Hof im Walchwiler Zipfel grenzen wird. Eines der fünf geplanten Gebäude der Bauherrin Aula AG soll im Abstand eines mickrigen Steinwurfs neben Kuhstall, Hühnerstall und Miststock errichtet werden. Der Konflikt mit den künftigen Eigentümern der Wohnungen mit unverbaubarer Seesicht liegt auf der Hand. «Wer will schon auf dem Balkon seiner teuren Wohnung sitzen, wenn es stinkt und lärmig ist und viele Fliegen hat?», fragt Hürlimann rhetorisch.

Diesen geringen Abstand macht ein Fehler in der Einzonung im Jahr 2006 möglich. Diesen räumt der Zuger Regierungsrat im Dezember 2012 ein, wie aus einem Expertenbericht in den Gerichtsakten hervorgeht. Es sei damals «nicht bekannt» gewesen, dass vom Landwirtschaftsbetrieb «ein Lärmproblem» ausgehe. Die Gemeinde Walchwil hätte es verpasst, vom Grundeigentümer des eingezonten Landes einen Nachweis über die Lärmimmissionen des Nachbargrundstücks zu verlangen. Schliesslich wurde auch das zweite Baugesuch abgelehnt.

Der Streit um das dritte gelangte bis vor das Bundesgericht. Dieses entschied zu Gunsten der Aula AG aus Cham. Auf eine Klage der Hürlimanns gegen die daraufhin erteilte Baubewilligung trat keine Instanz mehr ein. Das Bundesgericht machte seinen Entscheid kürzlich publik. Damit ist der Weg für die Überbauung frei. Die Immobilienfirma äussert sich derzeit nicht zur Überbauung Grossmatt. Der Geschäftsführer Nick Staub schreibt auf Anfrage: «Wir möchten das Projekt sorgfältig neu aufgleisen, was einige Zeit in Anspruch nehmen wird.»

Der Sohn will den Hof übernehmen

Der Rechtsstreit hat die Familie, die in siebter Generation den Hof bewirtschaftet, nicht nur Nerven gekostet. Über 50 000 Franken habe sie ausgegeben. Die letzte Beschwerde richteten die Hürlimanns nicht mehr über einen Anwalt an das Bundesgericht, sondern auf eigene Faust. «Es rechnete sich einfach nicht mehr», sagt Martha Hürlimann (52). Jetzt hat die Familie Angst um ihre Existenzgrundlage respektive diejenige ihres Sohnes André (28), der den Hof übernehmen will. Sie fürchtet, in absehbarer Zeit mit Klagen der Wohnungseigentümer überzogen zu werden, und wähnt sich wegen der ungleichen finanziellen Voraussetzungen im Nachteil – die Erfahrung der letzten Jahre hat sie gelehrt. «Die Aula konnte sich Topanwälte leisten, da hatten wir keine Chance», sagt Josef Hürlimann. Vor dem Kantonsgericht verbuchte er indes einen Erfolg: In einem privatrechtlichen Prozess im Sommer 2017 verlangte die Immobilienfirma von ihm, im Kuhstall bereits Lärmschutzmassnahmen zu treffen. Weil sie keine konkreten Lösungen vorschlug, trat das Gericht nicht auf die Klage ein. «Sobald die Überbauung stehen wird, wird das anders aussehen», sagt Hürlimann.

«Früher oder später eine Geruchsklage»

Seine Befürchtungen teilt Clemens Meier, Experte für Raumplanungsfragen bei Agriexpert, einer Dienstleistung des Schweizer Bauernverbands. Er ist mit der Angelegenheit vertraut und sagt aus Erfahrung: «Früher oder später reicht einer der Anwohner eine Geruchsklage ein.» Rechtlich gesehen sei die Situation der Familie schwierig: «Nach Umweltrecht gilt das Verursacherprinzip.» Wer also für Lärm oder Gestank verantwortlich ist, muss Massnahmen dagegen treffen – und für diese aufkommen. Das könne sogar soweit gehen, dass der Hof dazu verpflichtet werde, den Tierbestand zu reduzieren.

Einzonungen seien im Nachgang oft mit Konflikten verbunden. «Die Bauern müssen deshalb sehr genau hinschauen und frühzeitig Einsprache einlegen. Im Nachhinein haben sie keine Chance mehr», sagt Meier, und ergänzt: «Auf keinen Fall dürfen sie eine Einsprache zurückziehen, sondern müssen nötigenfalls bis vor Bundesgericht gehen.» Andernfalls werde das als Einverständniserklärung gewertet.

Warum sind die Hürlimanns damals nicht gegen die Einzonung vorgegangen? Der Bauer wird bei dieser Frage vom Ärger über sich selbst gepackt und haut wiederum mit der Faust auf den Tisch. «Ich habe keine Einsprache erhoben, weil ich dachte, wir würden allfällige Probleme dann schon in Gesprächen lösen können», sagt er offen. Bitter führt er aus: «Ich war zu lieb – das war mein einziger Fehler.»


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