Zuger Kulturgipfel: Individuell und kollektiv

KULTUR ⋅ Am sechsten Zuger Kulturgipfel präsentierten sich drei beispielhafte Teilhabeprojekte aus Zug. Auch einer kritischen Stimme wurde Gehör geschenkt.
11. November 2017, 09:34

Wolf Meyer

redaktion@zugerzeitung.ch

Das Zuger Amt für Kultur veranstaltete am vergangenen Donnerstag den Kulturgipfel in der Shedhalle zum Thema kulturelle Teilhabe. Das Bundesamt für Kultur definiert diese als «die individuelle und kollektive Auseinandersetzung mit Kultur und die aktive Mitgestaltung des kulturellen Lebens» und setzt sich die Aufgabe, diese Teilhabe zu fördern, als eine der «drei strategischen Handlungsachsen der Kulturpolitik des Bundes».

In den Schweizer Musikschulen sind über fünfzig Prozent der Schüler Mädchen. Eine Untersuchung von Radio SRF Virus zeigt aber, dass auf den Schweizer Festivalbühnen in lediglich rund einem Viertel aller Bands Frauen mitspielen. Irgendwo auf dem Weg von der ersten Tonleiter bis zum Schritt auf die Bühne liegt mit der Gleichstellung etwas im Argen: Kulturelle Teilhabe scheint diesem Bereich für Frauen nicht gleich zugänglich zu sein, wie für ihre männlichen Mitmusiker. Das sagten sich 2009 die Gründerinnen von Helvetia Rockt und begannen mit «Female Bandworkshops» und anderen niederschwelligen Angeboten, vom Songwriting bis zum Bühnencoaching, junge Frauen in ihrer Kunst zu unterstützen. «Mitte 2017 besuchten schweizweit bereits 190 Musikerinnen unsere Workshops», berichtet die Geschäftsleiterin des Projekts, Regula Frei, über dessen Erfolg.

Kitas, Asylsuchende und Blinde im Museum

Das Kunsthaus Zug stellte gleich mehrere Projekte vor, in denen verschiedenen Teilen der Gesellschaft Kunst vermittelt wird. «Für uns ist es spannend, die verschiedenen Werkinterpretationen unserer Besucher kennen zu lernen», erzählt die leitende Kunstvermittlerin des Kunst­hauses Zug, Sandra Winiger, in ihrem Vortrag und beschreibt, wie sie mit Kitas, Asylsuchenden und sogar Blinden im Museum auf Entdeckungstour geht. Die freischaffende Theaterregisseurin Karin Arnold präsentierte ihr Projekt «Autoballett», in welchem sie der Diskrepanz zwischen der Informationslage über die Konsequenzen unseres Verhaltens als Konsument, und der Tatsache, dass «konkretes nachhaltiges Handeln nicht zwingend mit den Ansprüchen an ein genussvolles Leben übereinkommt», nachspürt. Das inklusive Moment ihrer Arbeit bestand darin, dass sie einheimische Autofahrer aus den jeweiligen Städten, in denen sie gastierte, zu den Hauptdarstellern ihres Stücks machte.

«Eine breite kulturelle Teilhabe trägt stark zur Kohäsion in einer Gesellschaft bei und wirkt der potenziellen Fragmentierung der Bevölkerung durch wachsende kulturelle Vielfalt entgegen.» Mit dieser Feststellung eröffnet der SVP-Bildungsdirektor Stephan Schleiss den Abend. Der Berliner Migrationsforscher Mark Terkessidis macht in seinem Inputreferat jedoch auf die Scheuklappen des oft elitären Selbstverständnisses jener Teile der Gesellschaft aufmerksam, die es sich zur Aufgabe machen, den Rest der Gesellschaft in das kulturelle Leben mit einzuschliessen. Diese Akteure seien sich oft nicht im Klaren darüber, dass sie selber eine marginale Minderheit der Gesellschaft repräsentieren, welche für sich die Deutungshoheit über kulturellen Wert beansprucht.


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