Kaffee soll direkt vom Bauern bezogen werden

ZUG ⋅ Volle Transparenz im Kaffeehandel: Das ist das Ziel von Algrano. Das Zuger Start-up hat eine Plattform entwickelt, auf der Kaffeebauern und Röster direkt miteinander handeln können. Die Idee findet grossen Anklang.
06. Februar 2018, 09:08

Livio Brandenberg

livio.brandenberg@zugerzeitung.ch

Die Schweiz ist ein Kaffeeland. Rund acht Kilogramm Rohkaffee werden hierzulande pro Kopf jährlich konsumiert – mehr trinken nur die Skandinavier, Holländer und die Isländer. Und was vielen nicht bekannt ist: Die Schweiz ist der weltweit grösste Kaffeehandelsplatz (siehe Kasten). Da passt es ins Bild, dass ein Schweizer Start-up die ganze Branche reformieren – mehr noch: revolutionieren – will. Denn das Jungunternehmen Algrano aus Zug hat sich auf die Fahne geschrieben, den Kaffeehandel von A bis Z transparent zu machen.

Algrano hat eine Plattform geschaffen, auf der Kaffeebauern und Röster online direkt miteinander kommunizieren und handeln können. Dabei kann jeder Schritt nachverfolgt werden: von der Ernte über den Transport und die Einlagerung in den Hafenstädten bis hin zum Anteil, den der Produzent und auch Algrano an der Lieferung verdient. Volle Transparenz der Kosten und Margen also – für den Kaffeeröster, etwa in der Zentralschweiz, aber auch für den Farmer in den Kaffeeregionen Lateinamerikas.

Pro Tag registrieren sich drei Kaffeebauern

Gegründet wurde Algrano 2013 von Gilles Brunner, Raphael Studer und Christian Burri. Die Drei sind schon länger Freunde, wie Brunner sagt. Burri kenne er aus dem Wallis, wo sie aufgewachsen seien, und Studer von der Uni in Genf. Inzwischen ist das Team auf sechs Personen angewachsen. Wie kam es zur Idee, die gesamte Kaffee-Lieferkette auf eine digitale Plattform zu heben und für alle Beteiligten sichtbar zu machen? «Ich arbeitete bei einem grossen Kaffeehändler in Genf und wurde für ein Jahr nach Brasilien geschickt, um im Bereich Nachhaltigkeit zu arbeiten», sagt Brunner. Dort habe er gemerkt, dass die Röster aus der ganzen Welt mehr über die Kaffeefarmer wissen wollten, von denen sie ihren Kaffee beziehen oder beziehen wollen. «Dazu sandten sie Angestellte vor Ort, die mit Stift und Notizblock Informationen sammelten. Da entstand die Idee, eine Plattform zu bauen, auf der sich die Farmer zeigen können.»

Rund ein Jahr später realisierten Brunner und seine Mitstreiter, dass die Bauern sich nicht nur präsentieren wollten. «Sie sagten uns direkt: ‹Wir wollen den Kaffee auch gleich über die Plattform verkaufen›», so Brunner. Darauf wurde die Website von Grund auf neu programmiert – nun als Marktplatz. Für die Idee und danach auch die Umsetzung gewann Algrano Start-up-Preise in Chile und Brasilien. 2015 erhielt die vollständige Version der Plattform den IT & Tech Innovation Award der Speciality Coffee Association of Europe. Heute sind auf Algrano Kaffeebauern beziehungsweise Zusammenschlüsse von Farmern aus fast allen lateinamerikanischen Ländern präsent, auf der anderen Seite beliefert die Firma Röstereien in elf europäischen Ländern. Registriert sind auf der Plattform heute 478 Produzenten und 584 Röster, die 69 Länder repräsentieren. Und man wachse rasant weiter: Pro Tag kommen drei Kaffeefarmer oder Kooperationen hinzu. Weiter arbeitet Algrano an einer neuen Finanzierungsrunde von 2 Millionen Franken.

Um auf die Plattform zu kommen, zahlen die Bauern und Röster nichts. Geld verdient Algrano mit einer Marge auf den Verkäufen, wie Brunner erklärt. «Pro Pfund haben wir eine Marge von 10 bis 30 Cents – abhängig vom Bestellvolumen und auch davon, welche Services gebraucht werden», sagt Brunner. Werde etwa nur ein Transport bis nach Hamburg gebraucht, dann sei das günstiger, als wenn die Ladung noch bis nach Zürich gefahren werden müsse.

Seit vergangenem Juni arbeitet Algrano mit Fairtrade Max Havelaar zusammen. Beim Fairtrade-Kaffee wird ein Minimalpreis von 1.60 US-Dollar pro Pfund grüner Bohnen gesetzt. Inbegriffen sind dabei 20 Cents «Sozialabgabe». Wie diese eingesetzt wird, bestimmen die Produzenten selbst. Als Fairtrade-Bauer hat man also die Sicherheit, mindestens für diesen Preis Kaffee verkaufen zu können, während der Marktpreis für ein Pfund heute bei rund 1.25 Dollar liegt. Erfolgt die Produktion ohne Pestizide, gibt es gemäss Fairtrade weitere 30 Cents. Das Pfund ungerösteter Bohnen kann also für bis zu 1.90 Dollar verkauft werden. Wichtig sei dies, weil die Produktionskosten bei rund 1.50 Dollar liegen würden, sagt Suita Manuela Diaz von der Kaffeekooperative Comsa in Honduras. Sie arbeitet mit Algrano zusammen und hat das Start-up letzte Woche besucht. Die Wichtigkeit eines fairen Preises betont bei diesem Treffen auch Peter Lerch. Er ist seit 1986 in der Kaffeebranche tätig, seit August 2017 arbeitet er fest bei Algrano. Weil beim Anbau auch zahlreiche unvorhersehbare Faktoren wie das Wetter eine grosse Rolle spielten, sei es für die kleineren Betriebe schwierig, «überhaupt auf die Produktionskosten zu kommen», sagt er. Hier könne das Fairtrade-Modell helfen.


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