Fans des SC Menzingen feiern ihren Club ausgelassen

MENZINGEN ⋅ Der 4.-Liga-Fussballklub des Dorfs hat etwas, was ihn auch von den meisten höherklassigen Vereinen abhebt: Fans. Eine Geschichte über die Suche nach dem wahren Sport und die Romantik eines verregneten Abends in der Luzerner Provinz.
11. September 2017, 05:00

Raphael Biermayr

raphael.biermayr@zugerzeitung.ch

«Mier gönd für dich vorah, als din 12. Mah, ganz egal, was passiert, ja SCM mier sind daaa!» Mit diesen Zeilen eröffnen die Supporters Menzingen jeweils die Unterstützung ihres favorisierten Fussballteams. Jenes spielt in der 4. Liga, der zweit- tiefsten Spielklasse hierzulande. Die Fans haben Wort gehalten. In einem öffentlichen Statement haben sie nach dem Abstieg des SC Menzingen nach 38 Jahren Zugehörigkeit zur 3. Liga zugesagt, weiterhin für Stimmung zu sorgen – auf der heimischen Chrüzegg wie auch auswärts. Am vergangenen Samstag stand gegen die zweite Mannschaft von Zug 94 das erste Heimspiel der laufenden Saison auf dem Programm.

Vor ein paar Zuschauern, bei schlechtem Licht und Wind und Wetter eine 4.-Liga-Mannschaft zu unterstützen – wer tut sich so etwas an? Simon Leuenberger beispielsweise, der Präsident und Sprecher der Supporters Menzingen. «Liebe kennt keine Liga», zitiert der 19-Jährige den Slogan der Gruppe. Er zeichnet in der Folge das typische Bild der vom Bezahlsport enttäuschten Anhänger des sogenannten wahren Fussballs, den diese in den Regionalligen ausmachen. Diese Echtheit wird in den Schlagworten «Bratwurst und Bier» ausgedrückt. Und in der Erkenntnis, dass man nicht weit reisen muss, um ein Gefühl dafür zu erhalten, sondern dieses «gleich um die Hausecke» findet, wie Leuenberger es ausdrückt.

Die 15 Mann starke Gruppe besteht aus Menzingern – bis auf einen Baarer, der «schon fast ein Menzinger geworden ist», sagt Leuenberger lachend. Manchmal würden sie an den Partien durch Gäste ergänzt, von denen sogar einige aus dem Fricktal anreisen würden. Leuenberger sieht darin ein Indiz für die Anerkennung, die der Gruppe entgegengebracht wird. «Wir erhalten immer wieder Komplimente – vom SCM, aber auch von den gegnerischen Vereinen und Zuschauern.»

Uneingeschränkt ist die Sympathie gleichwohl nicht. Ein Anwohner hat sich beim Fussballverein über die «Belästigung» während der Heimspiele beschwert, worüber die «Mänziger Zytig» berichtet hat. Eine Aussprache zwischen dem Anwohner, dem Verein und den Fans hat nichts gefruchtet, alles bleibt beim Alten. Dass sie kompromissbereit sein können, haben die Supporters bewiesen: Pyrotechnik brennen sie nicht mehr ab. Das Abbrennen von Petarden und Ähnlichem ist auch in den Regionalligen verboten. Der gastgebende Verein wird jeweils vom Fussballverband gebüsst. Der SC Menzingen hat die Bussen in der vergangenen Saison übernommen, auch nach Auswärtsspielen. Um das gute Verhältnis zum Klub nicht zu gefährden, bleibt es künftig bei feurigen Gesängen, sagt Leuenberger. «Und mit den Sprayereien am Klubhaus haben wir nichts zu tun», sagt er. In den Sommerferien wurde das Ge­bäude neben dem Fussballplatz Chrüzegg bemalt (Ausgabe vom 30. August).

Leidenschaft im Flutlicht

Die Idee zur ungewöhnlich ausdrucksstarken Unterstützung eines Regionalligateams hatten der Präsident Leuenberger und zwei Kumpels erstmals in einem Spiel der Menzinger vor zwei Jahren in Cham. Sie fanden in der Folge Gefallen daran und weiteten das zunächst aus ein­fachen Fahnen bestehende Sortiment aus. Vor «besonderen Spielen» treffen sie sich, um Choreografien zu basteln und Spruchbänder anzufertigen. Von Letzteren hingen im vergangenen Frühjahr fünf Stück im Dorf verteilt.

In einer Nacht-und-Nebel-Aktion hatten die Menzinger Supporters dafür gesorgt, offenbar stillschweigend toleriert von der Gemeinde. Das Ziel der Aktion: Die Mannschaft mit Motivationssprüchen heiss zu machen für den bevorstehenden Abstiegskampf. Das Ergebnis ist bekannt, der Plan ging nicht auf.

Doch es gibt wie in jedem Fanleben Erinnerungen, die die schweren Momente aufwiegen. Wie im Fall der Menzinger beispielsweise der Ausflug in die – als solche höchstens sehr lokal bekannte – Fussballhochburg nach Zell LU vor rund einem Jahr. Der Achtelfinal im Regionalcup stand auf dem Programm. «Es war Donnerstag, ein Flutlichtspiel im Regen», beginnt Leuenbergers Schilderung, die jeden Fussballromantiker anrührt. Sie endet mit einem heldenhaft errungenen 1:0-Sieg der Menzinger und einer denkwürdigen Party mit der Mannschaft im gegnerischen Klubhaus.

Am vergangenen Samstag ist der Funke der Fans nicht auf die Mannschaft übergesprungen. Die Menzinger verloren im dritten Saisonspiel erstmals – 0:4 gegen Zug 94 III. «Euses ganze Läbe, euse ganze Stolz, nur de SCM!», haben die Supporters Menzingen dennoch gesungen. Für zwei Stunden bedeutete ein Verein für sie die Welt. Ein 4.-Liga-Verein.


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