Mach’s wie die Sonnenuhr ...

BAAR ⋅ ... zähl die heit’ren Stunden nur. Auch wenn man wohl eher oben am Turm die Zeit abliest, so lohnt sich ein Blick auf die Aussenwand der Pfarrkirche St. Martin. Die Sonnenuhr an der Sakristei ist die Hinterlassenschaft eines bedeutenden Baarer Künstlers.
16. Mai 2017, 19:40

Andreas Faessler

andreas.faessler@zugerzeitung.ch

Die ersten Sonnenuhren, welche diese Bezeichnung verdienen, gab es in etwa ab der Zeit um 1300 vor Christus. Freilich erhielt der Mensch dadurch nur die ungefähre Tageszeit angezeigt, da Sonnenuhren im Vergleich zu den mechanischen Uhren nie genau waren und sind. Zu ungleichmässig ist die optisch festgestellte Sonnenbewegung, dass eine Sonnenuhr verlässlich die aktuelle Tageszeit anzeigen könnte. Und doch richtete man sich nach diesen Angaben bis zur Erfindung der mechanischen Uhren im Spätmittelalter.

Selbstredend zeigen Sonnenuhren auch nur tagsüber die ungefähre Zeit an, und selbst dies lediglich, sofern es nicht bewölkt ist. Sonnenuhren haben heute demzufolge nur mehr einen dekorativen Zweck. So auch das Exemplar an der Aussenwand der Pfarrkirche St. Martin in Baar. Zwischen den oberen beiden Fenstern der Sakristei wurde in den 1960er-Jahren die bestehende Sonnenuhr angebracht. Als Urheber zeichnet kein Geringerer verantwortlich als der fast schon legendäre Baarer Künstler Eugen «Geny» Hotz (1917–2000). Der bekannte Grafiker hat zahllose Signete, Embleme, Wappen und andere grafische Elemente sowie Kunstwerke geschaffen, die bis heute vor allem in der Region Zug noch gegenwärtig und vielen Generationen geläufig sind.

Die hotzsche Sonnenuhr – ausgeführt mit Kunstharzfarben – füllt die hochrechteckige Fläche zwischen den beiden Fenstern. Der Untergrund ist ein zartes Hellblau. Aus dem Zentrum der in drei unterschiedlichen Ockertönen gestalteten Sonne ragt das wichtigste Element der Sonnenuhr – der Polstab. Dieser ist gegen Norden ausgerichtet, er zeigt zum Polarstern. Unter der Sonne ist in Weiss das U-förmige Zifferblatt mit den Stundenzahlen aufgemalt. Entlang der Innenseite des Zifferblattes stehen die Worte «Gott schuf die Zeit, von Eile hat er nichts gesagt» geschrieben.

Wir finden hier nur neun Ziffern. Bei vertikalen Sonnenuhren wie der unsrigen ist eine Zeitmessung logischerweise nur beschränkt möglich. Wäre die Wand der Sakristei genau gegen Süden ausgerichtet, so liessen sich maximal 12 Stunden messen – und dies auch nur an den beiden Daten im Jahr, wenn Tag und Nacht genau gleich lang dauern. Die Baarer Pfarrkirche jedoch ist nicht geostet, sondern ist von der Achse abweichend. Die Sakristeiwand zeigt gegen Südost, weshalb die Sonnenuhr von Hotz weniger Stunden anzeigen kann – eine Zeitmessung ist hier möglich ab gegen acht Uhr am Morgen bis kurz nach vier Uhr am Nachmittag. Horizontalsonnenuhren, bei denen das Zifferblatt parallel zur Erdoberfläche liegt, zeigen hingegen die Zeit an, solange die Sonne sichtbar ist.

Je nachdem muss beim Ablesen von Sonnenuhren eine Stunde hinzugerechnet werden: Unser Bild wurde um zirka 8.40 Uhr in der Früh aufgenommen. Die Sonnenuhr zeigt jedoch 7.40 Uhr an. Man müsste den Winkel des Stabes verändern, um die Sonnenuhr auf die Sommerzeit umzustellen. Was stumpfsinnig wäre, wo es sich ja um ein Kunstwerk mit rein ästhetischer Funktion handelt. Viel wichtiger als die Zeitmessung sind bei der Hotz-Sonnenuhr aus Sicht des Autors die geschriebenen Worte, welche zu Recht mahnen, dass man es – wenn immer möglich – etwas gemütlicher im Leben nehmen sollte.


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