«Man muss die Frauen für die Politik begeistern»

WAHLEN ⋅ Mit der Nichtnominierung von Carina Brüngger (FDP) ist die Chance auf eine Mann-Frau-Ausgeglichenheit in der Zuger Politik weiter stark gesunken. Birgitt Siegrist, Präsidentin der FDP-Frauen Zug, nimmt Stellung zu dieser Niederlage.
12. April 2018, 04:40

Birgitt Siegrist, was halten Sie persönlich davon, dass Carina Brüngger nicht nominiert ist und somit von der FDP keine Frau ins Rennen geht?

Dass wir wieder mit einem reinen Männer-Ticket ins Rennen gehen, ist sehr schade. Es hätte sich nun die Chance geboten, mit einem Mann und einer Frau die beiden Regierungsratssitze zu verteidigen und dazu endlich die Vertretung der Frauen in der Regierung zu erhöhen. Leider ist uns dies – wenn auch äusserst knapp – nicht gelungen. Es wird gesagt, die FDP habe eine Chance vertan. Ja, dem kann ich beipflichten. Nicht beipflichten kann ich aber, wenn es heisst, dass die FDP keine Frauen will.

Was hat Ihrer Ansicht nach zur Nichtnominierung von Carina Brüngger geführt?

Aus vier Kandidaten wurden zwei gewählt. Vorher war bereits bestimmt worden, dass wir mit zwei Kandidaten ins Rennen gehen wollen. Im Übrigen war dies auch die Meinung der Kandidaten selbst. Wir möchten unsere beiden Sitze in der Regierung verteidigen, und dies erscheint uns die beste Strategie. Abgestimmt wird nach persönlichen Präferenzen – da kommt es auch darauf an, wie gut einzelne Kandidaten ihre Unterstützer mobilisieren. Hier sind die Netzwerke und der persönliche Bekanntheitsgrad entscheidend. Die beiden nominierten Kandidaten sind Kantonsräte und hatten dadurch sicher einen Vorteil. Der dritte Kandidat lag übrigens weit hinter Carina Brüngger.

Daraus lässt sich schliessen, dass Carina Brüngger alles richtig gemacht hat.

Ja, man kann sich wirklich ein Beispiel an ihr nehmen. Sie hat sehr früh klar kommuniziert, dass sie sich für das Amt interessiert und nicht gewartet, bis sie jemand anfragt. Sie hat dieses Ziel konsequent verfolgt und ist vor allen anderen damit an die Öffentlichkeit gegangen. Auch im Wissen um die parteiinterne Ausmarchung hat sie keinen Rückzieher gemacht – so wie andere. Sie hat immer klar und deutlich gesagt, dass sie sich dem Wettbewerb mit allen Konsequenzen stellt. Und wie sie jetzt mit der Niederlage umgeht, zeigt auch wieder von Grösse. Während von allen Seiten Schuldzuweisungen gemacht werden, sieht sie es pragmatisch und sagt, wenn eine Türe zugehe, dann gehe eine andere auf. Diesen Kampfeswillen wünsche ich mir für unsere weiblichen wie männlichen künftigen Kandidaten.

Machen Sie sich bereits Gedanken für die nächsten Wahlen in vier Jahren, was die Nominierung von Frauen angeht?

Die Personalplanung ist matchentscheidend, aber der Parteileitung wird auch bisweilen ein Strich durch die Rechnung gemacht. Leute, die man heute auf der Shortlist hat, sind vielleicht bald nicht mehr interessiert, weil sie sich entweder beruflich neu orientiert oder sich Veränderungen im Privatleben ergeben haben, was selbstverständlich für Männer und für Frauen gilt. Sowohl die FDP Frauen als auch die Kantonalpartei werden alles daran setzen, geeignete Frauen noch mehr zu fördern und auch zu fordern. Es führt aber nichts daran vorbei, den demokratischen Prozess zu respektieren – auch wenn es nur um zwei Stimmen geht wie im Fall von Carina Brüngger. Wir FDP-Frauen wünschen uns, dass man nun keine Wunden leckt, sondern nach vorne schaut – und vor allem, dass sich mehr Frauen mehr zutrauen. Letztlich gewinnen wir alle durch ein Miteinander.

Wie beurteilen die FDP-Frauen das ausgeprägte Mann-Frau-Ungleichgewicht in der Zuger Politik?

Es hat definitiv zu wenig Frauen in der Zuger Regierung, wie im Allgemeinen in der Politik. Von 17 Kantonsräten der FDP haben wir nur fünf Kantonsrätinnen. Bei den anderen Parteien sieht es nicht besser aus. Über die Gründe wird viel gerätselt, spekuliert, diskutiert. Der Kandidatenpool bei den Männern ist grösser als bei den Frauen. Noch – denn genau da muss etwas geschehen. Es nützt nichts, ganz oben nach Quoten zu schreien. An der Basis muss man ansetzen, die Frauen für die Politik begeistern und sie dazu motivieren, politische Ämter anzustreben. Dabei helfen vor allem Leuchttürme wie Petra Gössi und Karin Keller-Sutter. Sie zeigen, dass man auch als Frau ganz nach oben kommen kann.

Hinkt die Politik im Kanton Zug in der Gleichstellungs­frage hinterher?

Zug ist da nicht in einer speziellen Situation. Zu einer ausgewogenen Vertretung in allen politischen Gremien ist es noch ein weiter Weg – überall in der Schweiz. Ich nehme in letzter Zeit ein wachsendes Interesse der Frauen an politischen Themen wahr, vielleicht hat das auch mit unseren «Leuchttürmen» zu tun. Wir haben einige hervorragende Kandidatinnen für die kommenden Wahlen, sei es für Ämter in den Gemeinden oder für den Kantonsrat.

Interview Andreas Faessler

andreas.faessler@zugerzeitung.ch

Hinweis

Carina Brüngger äussert sich im Bericht auf Seite 23 zu ihrer Nichtnomination als Regierungsrätin.


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