Meuterei im Jugendheim: 17-Jähriger zu 2,5 Jahren Gefängnis verurteilt

ZUG ⋅ Das Zuger Strafgericht hat einen jungen Mann, der zusammen mit zwei Kollegen gewaltsam aus dem Jugendheim Aarburg AG geflohen ist, am Montag zu einer 2,5-jährigen Freiheitsstrafe verurteilt. Vorderhand bleibt er aber im Massnahmenzentrum, wo er sich zur Zeit befindet.
Aktualisiert: 
12.06.2017, 20:00
12. Juni 2017, 11:30

Der bald 18-jährige Zuger ist kein unbeschriebenes Blatt. Seit Sommer 2014 hat die Jugendanwaltschaft wegen verschiedener Delikte mit ihm zu tun. Anfang 2015 kommt er in Untersuchungshaft. Es geht um Drogen, Nötigung, Waffendelikte und anderes. Im September 2015 steht er erstmals vor dem Jugendgericht. Dieses bestätigt die bereits zuvor angeordnete Unterbringung in einem Jugendheim und eine ambulante Behandlung. 

Für die Versuche, ihn zu einer Lehre zu motivieren, habe er jeweils ein müdes Lächeln übrig gehabt, sagte Jugendanwalt Rolf Meier. Anfang 2016 wird er Vater, wobei er sein Kind seit letztem August nicht mehr gesehen hat. Er wird in mehreren Institutionen platziert. Schliesslich kommt er im Herbst 2016 ins Jugendheim Aarburg. Er macht keinen Hehl daraus, dass er ausbrechen – also meutern – wird.

An einem Sonntagnachmittag fällt der Securitas-Mitarbeiter, der die geschlossene Wohngruppe hätte überwachen müssen, wegen eines medizinischen Problems aus. Die Leitung des Heims entschliesst sich, für diesen Abend keinen Ersatz aufzubieten, was die Jugendlichen mitbekommen. Drei von ihnen wollen deshalb ausbrechen.

Lebensgefährliche Schläge mit Metallstange

Zuerst wird eine Sozialpädagogin in den schallgeschützten Musikraum gelockt. Plötzlich schlägt das Trio auf die Frau ein, entwendet ihr das Telefon und den Schlüsselbund. Als sie verspricht, sich ruhig zu verhalten, wird sie in Ruhe gelassen. Einer bleibt bei ihr. Sie erleidet Lippenverletzungen sowie Schulterprellungen. Dann lockt der Zuger einen weiteren Sozialpädagogen aus dessen Büro. Der dritte Jugendliche schlägt ihn von hinten mit einer Eisenstange auf den Kopf. Der Jugendanwalt spricht von «unkontrollierten und skrupellosen Schlägen. Durch schwere Verletzungen lebenswichtiger Organe im Kopf hätte er lebensgefährlich getroffen werden können.» Das Opfer erleidet unter anderem Riss-Quetsch-Wunden. 

Diese Attacken muss sich der Zuger laut Ankläger als Mittäter anlasten lassen. Die Überfallenen werden in eine Toilette eingesperrt, aus der sie sich nicht befreien oder um Hilfe rufen können. Schliesslich wird eine weitere Mitarbeiterin mit Pfefferspray überwältigt. Unter Druck und mit Gewalt wird sie zum Tor gebracht, das sie mittels Code und Fingerabdruck öffnet. Ihre vier Sporttaschen mit Kleidern und knapp 1000 Franken Beute lassen die Ausbrecher zurück – «es war viel Adrenalin im Spiel», es herrschte laut Verteidiger Panik.

Der Anwalt stellt die Anklagepunkte versuchte schwere Körperverletzung und Freiheitsberaubung in Abrede, Letzteres werde durch die Meuterei kompensiert. Ende Woche könne der Jugendliche im Massnahmenzentrum Kalchrain in die halboffene Abteilung wechseln. Die Unterstützung durch die Securitas im Heim sei im April eingestellt worden. Er habe einen guten Führungsbericht, sei aber «klar massnahmebedürftig und -fähig». Dieser sagt, er habe niemanden verletzen wollen: «Rückblickend gesehen war es nicht gut.» Er möchte möglichst schnell aus dem Heim und eine Lehre machen. Der Verteidiger fordert die Fortsetzung der Massnahme und neun Monate Strafe.

Gericht bestätigt besondere Skrupellosigkeit 

In den Hauptpunkten folgt das Jugendgericht unter dem Vorsitz von Carole Ziegler der Anklage. «Insbesondere die Skrupellosigkeit ist klar gegeben», sagt die Richterin. Aus rein egoistischen Zielen hätten die Täter hinterhältig gehandelt. Das Verschulden sei schwer. Unglaubhaft sei die Darstellung des Beschuldigten, er habe nicht bemerkt, dass der Rädelsführer eine Metallstange in der Hand hielt. Dass er weitgehend geständig sei und sich nach einer Woche Flucht freiwillig gestellt habe, spreche für ihn. Die Freiheitsstrafe wurde auf zweieinhalb Jahre festgesetzt (gefordert waren drei Jahre). Bewährt er sich im Massnahmenvollzug (bis maximal 25-jährig), muss er diese aber nicht verbüssen. Das Urteil ist nicht rechtskräftig.

Jürg J. Aregger
juerg.aregger@zugerzeitung.ch

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