Negativzinsen sind laut Experten bald Geschichte

ZUG ⋅ Weil der wirtschaftliche Ausblick in allen Industrienationen gut aussieht, erwarten Experten ein Ende der Negativzinsen in der Schweiz, wie sie an einem Anlass der Zuger Kantonalbank erklärten.
15. November 2017, 07:57

Livio Brandenberg

livio.brandenberg@zugerzeitung.ch

Vor zwei Monaten war Thomas Jordan, Präsident des Direktoriums der Schweizerischen Nationalbank (SNB), im Theatersaal des Casino Zug zu Gast. Er referierte auf Einladung der Zuger Kantonalbank über die Geldpolitik der SNB im aktuellen Umfeld. Dabei machte er klar: Aus Sicht der Nationalbank brauche es die Negativzinsen weiterhin, ein Ende sei nicht in Sicht.

Am Montagabend waren im gleichen Saal nun ganz andere Töne zu vernehmen. Ebenfalls auf Einladung der Zuger KB diskutierten der bekannte Ökonom und Professor Klaus Wellershoff sowie der Chief Investment Officer der Zuger Kantonalbank, Alex Müller, über den aktuellen Zustand der Wirtschaft – weltweit und in der Schweiz. Vor allem aber ging es um Prognosen und Tendenzen, kurz: den Ausblick auf die kommenden drei bis sechs Monate, wie der Titel des Anlasses «Market Outlook 2018» vermuten liess.

Firmen so optimistisch wie lange nicht mehr

Und die Prognosen von Wellershoff liessen aufhorchen. Er widersprach dem SNB-Präsidenten direkt: «Die Negativzinsen werden bald verschwinden. Schon relativ früh im nächsten Jahr», ist er überzeugt. Alex Müller kommt zur selben Einschätzung. Wirtschaftlich stünden alle Industrienationen – damit auch die Schweiz – gut da, und das jetzt seit einiger Zeit. Man sehe ein «Fortschreiten des Normalisierungsprozesses». «Wir gehen davon aus, dass die Wachstumsraten weiter anziehen werden», begründete Wellershoff seine Aussage im persönlichen Gespräch. Er geht davon aus, dass die Wachstumsraten steigen: «Wir denken, dass wir deutlich über 1 Prozent wachsen werden.» Als Folge davon werde die Inflation langsam ansteigen. So rechnen die Ökonomen mit einer Inflationsrate von über 1 Prozent schon im 1. Quartal 2018. Auch vorausschauende Indikatoren, etwa Umfragen bei Unternehmen, zeigen laut den Experten in die gleiche Richtung. Die Unternehmen in der Schweiz und in Europa seien so optimistisch wie schon lange nicht mehr. «Dies wird sich auch auf die Wachstumsraten in der Schweiz auswirken», so Wellershoff.

Euro soll weiter zulegen

Hinzu komme, dass sich der Wechselkurs des Euro zum Franken positiv entwickle. «Das dürfte weiter in Richtung 1.20 oder 1.25 gehen», so Wellershoff. Alle diese genannten Faktoren führten zu einem Anstieg der Zinsen und schliesslich eben zur Abkehr von den Negativzinsen.

Was bedeutet dies für den «kleinen» Anleger und Mieter? Steigen dadurch auch die Hypothekarzinsen? Gemäss Wellershoff und Müller wird dies nicht sofort der Fall sein. Doch der Referenzzinssatz werde steigen, was zu steigenden Mieten führen könne. Dass der seit über einem Jahr boomende Aktienmarkt überhitze und einstürze glauben die Experten derweil nicht. «Der Markt ist solide. Das ist durch die wachsenden Gewinne der Unternehmen unterlegt», sagt Alex Müller. Auch wenn er einräumt, dass die Bewertungen einiger Titel im historischen Vergleich eher hoch seien. So raten die Experten auch, weiterhin in Aktien zu investieren, vor allem in Schweizer Titel.


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