Haltestellen sind nur bedingt behindertengerecht

ZUG ⋅ Bis 2023 müssten alle relevanten Haltestellen gemäss Behindertengleichstellungsgesetz über einen niveaugleichen Einstieg verfügen. Der Kanton Zug hat erst eine solche. Pro Infirmis fordert mehr Einsatz.
08. Oktober 2017, 10:05

Christopher Gilb

christopher.gilb@zugerzeitung.ch

Das Behindertengleichstellungsgesetz (BehiG) des Bundes aus dem Jahr 2004 gibt vor, dass bis Ende 2023 der öffentliche Verkehr autonom benutzbar sein soll. Alle relevanten Bushaltestellen sollten dann einen niveaugleichen Einstieg ermöglichen.

Im Kanton Zug gibt es mit der Haltestelle Seeblick in Hünenberg eine erste Haltestelle dieser Art. Dass es aber gelingt, bis 2023 auch alle anderen anzupassen, bezweifelte Beat Husmann, Bauberater bei Pro Infirmis im Artikel zur Eröffnung der Haltestelle (Ausgabe vom 17. September). Nun konkretisiert er: «Andere Kantone verfügen über ein Konzept darüber, wie und wann jede Bushaltestelle mit einer Anlegekante von 22 Zentimeter, die mindestens für einen autonomen Einstieg benötigt wird, ausgestattet wird.» Auf der Homepage des Tiefbauamtes des Kantons Zug sei hingegen noch immer eine alte Norm aufgeschaltet, die lediglich eine 16 Zentimeter hohe Buskante empfehle. Bei 16 Zentimeter ist eine Rampe für den Einstieg notwendig. In der aktuellen VSS-Norm (Verband der Strassen- und Verkehrsfachleute) hingegen wird eine Höhe von 22 Zentimeter vorgegeben. Die fehlende Aktualität interpretiert Husmann als Fehlen eines entsprechenden Umsetzungskonzeptes. Und äussert die Sorge, dass so die Gemeinden, die für die Bushaltestellen an den Gemeindestrassen zuständig sind, sich an der falschen Norm orientieren würden.

Neue Normblätter werden bewusst zurückgehalten

Baudirektor Urs Hürlimann relativiert: «Es ist korrekt, dass in den kantonalen Ausführungsbestimmungen noch die Empfehlung mit einer Anschlaghöhe von 16 Zentimeter aufgeführt ist. Die Normblätter sind jedoch bereits angepasst, werden aber noch bewusst zurückgehalten, bis die ZVB die Versuchsphase an den neuen Bushaltestellen in Hünenberg und Buonas abgeschlossen haben. Die ersten Erfahrungen sind aber positiv.» In Buonas sind gerade zwei kantonale Bushaltestellen im Bau, die ebenfalls die Anlagekante von 22 Zentimeter erhalten. Seit zehn bis zwölf Jahren passe der Kanton Bushaltestellen behindertengerecht an und erhöhe die Anlegekanten auf 16 Zentimeter. Bei 30 Prozent der insgesamt 315 kantonalen Bushalte sei dies bereits umgesetzt. «In Zusammenarbeit mit dem Kanton Zürich führte der Kanton Zug umfangreiche Fahrversuche durch, mit dem Ziel, die Anlegekanten weiter zu erhöhen», so Hürlimann. Es habe sich jedoch gezeigt, dass die Anlegekante ohne Beschädigung der Buskarosserie damals nicht weiter erhöht werden konnte. Die Technik entwickelte sich aber weiter. Neu gelte deshalb, dass Bushaltestellen, die vom Bus gerade angefahren werden könnten, in der Regel mit einer Anlegekantenhöhe von 22 Zentimeter erstellt werden. Busbuchten würden jedoch, weil der Bus mit einem Teil seiner Karosserie übers Trottoir fahren müsse, weiterhin noch mit 16 Zentimeter hohen Anlegekanten gebaut. «Damit die grossen Bushersteller in Europa auf die neuen Anforderungen reagieren und die Karosserie höher bauen, braucht es internationalen Druck oder entsprechende gesetzliche Vorgaben», so Hürlimann.

Anpassung im Zuge von Strassenbauprojekten

Doch wieso geht es so langsam vorwärts? «In erster Priorität werden Bushaltestellen im Zusammenhang mit einem Strassenprojekt umgebaut und in zweiter Priorität in Abhängigkeit der Fahrgastfrequenzen», sagt Hürlimann. Dieses Vorgehen habe sich bewährt und diene der effizienten Nutzung finanzieller Mittel. «Im Kanton Zug stehen, insbesondere im Zusammenhang mit grossen Strassenbauprojekten, auch Umgestaltungen in Ortszentren an.» Es mache daher keinen Sinn, diese Bushaltestellen schon heute umzubauen. Könnten die Strassenbauten gemäss Budget und Finanzplan umgesetzt werden, würden die meisten der stärker frequentierten Bushaltestellen bis 2023 auch, wie vorgegeben, behindertengerecht sein.

Doch wie steht es um die Bushaltestellen der Gemeinden? In Baar wurde beispielsweise gerade die Bushaltestelle Huobhof, die gerade angefahren werden kann, angepasst. Jedoch auf 16 Zentimeter. 22 Zentimeter sei nicht für alle Bustypen geeignet, heisst es von der Gemeinde. 16 Zentimeter würden zudem den Empfehlungen der Fachstelle Behinderte und öffentlicher Verkehr entsprechen. In den besagten Empfehlungen aus dem Jahr 2011 steht aber auch, dass bei gerader Anfahrt eine Höhe von 18 Zentimetern oder höher möglich ist.


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