Sinn und Unsinn auf dem Jakobsweg

MENZINGEN ⋅ Wieder einmal steht ein Vortrag zur bekannten Pilgerreise auf dem Programm. Der Referent verspricht aussergewöhnliche Schilderungen. Dem wird er gerecht – nicht zuletzt dank einer Liebesgeschichte.
16. September 2017, 04:40

Raphael Biermayr

raphael.biermayr@zugerzeitung.ch

Streng genommen kann niemand den Jakobsweg gehen. Denn den Jakobsweg gibt es nicht – es gibt mehrere. Jedoch eint das Ziel die Wege: die Kathedrale von Santiago de Compostela, wo sich angeblich das Grab des namensstiftenden Apostels Jakobus befindet. Der in Menzingen wohnhafte Folker Doss war oft dort. Die Jakobsmuschel am Lederband um seinen Hals und auf der Herzseite seines Shirts zeugen von seiner tiefen Verbundenheit dazu.

Der 73-Jährige wird am kommenden Dienstag ab 14 Uhr im Menzinger Zentrum Luegeten den Vortrag «Sinniges und Unsinniges auf dem Jakobsweg» halten. Es ist der x-te Vortrag in den letzten Jahren zum Thema und der zweite innert kurzer Zeit in der Berggemeinde: Erst im vergangenen März schilderte der aus Santiago de Compostela zurückgekehrte, frühere Gemeindeleiter Martin Gadient seine Erfahrungen.

Kein Verständnis für «Personenkult»

Doss sass damals im Publikum. In seinem Referat will er nun von «anderen Erlebnissen» berichten. Eine ziemlich umfangreiche Power-Point-Präsentation beinhaltet Fotos und Erkenntnisse von seinen – auf sieben Jahre verteilten – Wanderungen auf Jakobswegen in Spanien. «Ich möchte einiges richtigstellen», sagt Doss zu seinen Beweggründen. Auf Nachfrage zeigt sich, dass es ihm nicht um richtig oder falsch geht, sondern darum, den «wahren Pilgern» zur Ehre zu verhelfen. Das seien solche, um die kein «Personenkult» gemacht werde. Solche, die nicht nur die Urkunde für Ablass und Ankunft am Ziel «erhaschen» wollten, wofür man nach den Vorgaben «nur» 100 Kilometer nach Santiago de Compostela gehen muss. Und solche, die nicht «bescheissen», also Wegstrecken mittels Bussen oder sonstigen motorisierten Gefährten hinter sich brächten. Anscheinend solche wie Doss. Hält er sich für einen besseren Pilger als andere? «Nein, nein», sagt der Pensionär in der mit Devotionalien, Andenken und Büchern reich bestückten Menzinger Wohnung, «jeder muss seinen eigenen Weg gehen. Aber man soll nicht den tollen Hecht geben, nur weil man die Urkunde hat.»

Der Vortrag beinhaltet zahlreiche schöne und unschöne ­Anekdoten. So hat Doss während seiner ersten Pilgerreise im Jahr 2006 seine heutige Frau Agnes Schorno (46) kennen gelernt, seine «Seelenverwandte», sagt er. Einige Monate nach der Rückkehr aus Spanien besuchte der Deutsche sie in Menzingen – und blieb. Fortan wandelten sie zusammen auf Jakobswegen. Gemäss Folker Doss wurden sie «süchtig» nach den Entbehrungen, der schlichten Schönheit der Natur, und der Solidarität der Pilger. In der Regel mieden die beiden die meistgenutzte Strecke, den Camino Francés. Dieser wurde noch bekannter durch das Buch «Ich bin dann mal weg» des deutschen Komikers Hape Kerkeling. «Auf diesem Camino sind Massen unterwegs, man tritt sich gegenseitig fast auf die Füsse, und es geht sehr laut zu und her – das hat nichts mehr mit richtigem Pilgern zu tun», sagt Doss verächtlich. Keine netten Worte findet er darüber hinaus für einige der Pilgerherbergen, in denen er übernachtete. In der Schweiz oder in Deutschland würde er an solche Unterkünfte «nicht mal hinpinkeln».

Auf dem Weg nie zu sich gefunden

Unverblümt ist auch folgende Schilderung zu seinem Innenleben: «Ich habe auf keinem meiner Camino de Santiago zu mir gefunden.» Sie seien «viel zu anstrengend, zu steinig und zu schwer, als dass ich da über meine Lebenssituation nachdenken konnte oder wollte.» Das sei Folker Doss jedoch stets am Ziel gelungen, in Santiago de Compostela.

Agnes Schorno Doss und er hätten dank der Hilfe von erwähntem Martin Gadient sogar in der berühmten Kathedrale heiraten können. Das Ehepaar kehrt immer wieder gern zurück an diesen «Kraftort». Nach dem Jahr 2013 nicht mehr in Wanderschuhen und mit dem Rucksack, sondern als gewöhnliche, komfortablere Reisende. Aber deshalb anscheinend nicht weniger glücklich.


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