Spiel mit dem Fokus

BAAR ⋅ Im Kunstkiosk sind Fotografien von Brigit Weiss unter der Devise «(un)focused» zu bestaunen. Durch Nachbearbeitung entstanden Bildkombinationen mit völlig neuem Inhalt.
19. Juni 2017, 07:48

Julian Koller

redaktion@zugerzeitung.ch

Manche der Bilder von Brigit Weiss im Kunstkiosk Baar sind in der experimentellen Nachbearbeitung so verändert worden, dass der ursprüngliche Sinn sich dem Betrachter kaum noch zu erschliessen vermag. So zum Beispiel die Aneinanderreihungen mysteriöser horizontaler Farbverläufe, die sich erst bei genauer Betrachtung als Negative und frisch eingefärbte Schnapp­schüsse vom Sonnenuntergang auf dem Zugersee entpuppen. Andere wiederum sind kaum verändert, aber durch Collage in ­einen neuen Kontext gesetzt ­worden. So zum Beispiel die Ablichtung einer glitzernden Wasserspiegelung, benachbart von einer Silhouette am Strand.

In die Betrachtung dieses Bildes ist Monika Hotz, Ausstellungsbesucherin aus Baar, gerade versunken. «Was ich an diesen Bildern mag ist, dass sie eine ­Geschichte erzählen», sagt sie. «Jedes Bild für sich genommen würde nicht viel aussagen, aber zusammengenommen kann man förmlich sehen, wie diese Silhouette gleich baden geht.»

Kamera statt Uhr

Brigit Weiss ist offenbar schon immer ein visuell veranlagter Mensch gewesen. In ihrer aufliegenden Kurzbiografie schreibt sie, schon zur Konfirmation habe sie sich anstelle der obligaten Armbanduhr einen Batzen für ihre erste Spiegelreflexkamera gewünscht. Inzwischen ist die Oberwilerin Fachfrau Information und Dokumentation, aber sie zelebriert nach wie vor ihre ästhetische Ader. «Ich habe das Gefühl, durch die Kameralinse mehr Details in der Welt zu sehen als sonst», erklärt sie. Man höre manchmal, durchs Fotografieren verpasse man das echte Geschehen, doch bei ihr verhalte sich das umgekehrt.

Der Name der Ausstellung, «(un)focused», käme daher, dass hier auch so manches unscharfe Bild verwertet werden konnte, indem eben nicht das Sujet, sondern Formen oder Farben ins Zentrum der Darstellung gerückt wurden. Dadurch können vermeintlich unbrauchbare Bilder in Kombination mit anderen plötzlich ein ausstellungs­reifes Werk ergeben. Zu diesem Zweck greift sie auf ein gewal­tiges Bildarchiv von Schnappschüssen zurück, die sich über die Jahre auf Reisen oder im Alltag angesammelt haben. Manchmal käme ihr auch ein Einfall für die Verwertung eines Bilds, das sie vor langer Zeit geschossen habe. Deshalb sind einige der in den Collagen und Überblendungen verwendeten Fotos bis zu zwölf Jahre alt. «Die Ideen für diese Fotokombinationen entstehen oft ganz plötzlich», erzählt sie. «Wenn ich zum Beispiel beim Velofahren eine spezielle Lichtstimmung oder sonst etwas sehe, das leicht aus der Alltagsnorm fällt, inspiriert mich das. So gesehen entstehen gute Bilder eigentlich häufig schlicht aus Zufall.»

Hinweis

Die Ausstellung im Kunstkiosk läuft bis am 8. Juli.


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