Vom Imker und seinem Sohn

ZUG ⋅ Diedie Weng gelingt eine feinfühlige Dokumentation über unterschiedliche Wertvorstellungen zweier Generationen.
07. Dezember 2017, 07:23

Eigentlich hätte die in der Schweiz lebende Filmemacherin Diedie Weng eine Dokumentation über den nordchinesischen Bienenzüchter Lao Yu drehen wollen. Deshalb hat sie über ein Jahr lang bei ihm und seiner Familie gelebt. Doch mit der Rückkehr von Lao Yus Sohn Maofu aus der grossen Stadt lief es bald nicht mehr nach dem ursprünglichen Drehbuch.

Der 20-jährige Maofu hat nach einem Jahr als Wanderarbeiter in der Stadt nicht die erhoffte Erfüllung erfahren. Dennoch bringt er eine gewachsene Weltoffenheit und fortschrittliches Gedankengut mit nach Hause, wo er die Bienenzüchterei seines Vaters lernen soll. Maofus jugendlich-progressive Einstellung aber prallt mit den traditionsverbundenen Ansichten des über 70-Jährigen zusammen. Reibereien und Auseinandersetzungen sind vorprogrammiert. Lao Yu findet, dass Maofu zuerst mal die Kunst des Honigherstellens perfektionieren muss. Der Sohn aber denkt vielmehr ans Marketing für den Honigverkauf – Strategie vor Technik, findet er. Der Vater wirft seinem Jungen Gleichgültigkeit und mangelndes Interesse am ehrenwerten Handwerk vor. Ausserdem sollte seiner Ansicht nach ein junger Mann in Maofus Alter eine Familiengründung planen. Dem engstirnigen Vater mit seinen festgefahrenen Werten scheint der Sohn nichts recht machen zu können. Auch Lao Yus Frau kriegt dies ständig zu spüren. Und seit Wachsmottenbefall Lao Yus Imkerei zusätzlich erschwert, ist der Vater noch schlechter gelaunt.

Maofu fühlt sich zunehmend in die Enge getrieben. Das einfache, von Kleinkariertheit geprägte Landleben wächst ihm allmählich über den Kopf hinaus. Vater und Sohn leben unter demselben Dach, aber jeder von ihnen geht seinen eigenen Weg – und keiner scheint davon abweichen zu wollen. Ob diese Konstellation langfristig gut gehen kann?

Nahe an den Menschen

Das filmische Resultat, das die gebürtige Chinesin Diedie Weng von ihrem Aufenthalt bei Lao Yu und seiner Familie in Nord­china zurückgebracht hat, nennt sie schlicht «The beekeeper and his son». Der Fliz Filmclub Zug zeigt diese 2016 erstmals präsentierte Dokumentation am kommenden Montag im Kino Gotthard. Es ist die erste Langfilmproduktion der Filmemacherin.

Anstatt der geplanten Imker-Dokumentation ist ein Film entstanden, der den wohlbekannten Konflikt zwischen den Generationen thematisiert, wo unterschiedliche Weltanschauungen, Werte und Erwartungen aufeinandertreffen. Weng liefert das feinfühlige Porträt einer Bauernfamilie, die in äusserst einfachen, aber augenscheinlich wohlbehüteten Verhältnissen lebt. Der Zuschauer merkt, wie nah die Filmerin an den Menschen ist, wie sie als (fast) unsichtbares «Familienmitglied» agiert und das Geschehen mit ihrer Kamera unauffällig, aber scharf beobachtet. So gelingen ihr besonders intime wie rührende und auch humorvolle Einblicke in den Alltag dieser einfachen chinesischen Familie.

Andreas Faessler

andreas.faessler@zugerzeitung.ch

Hinweis

Der Fliz Filmclub Zug zeigt «The Beekeeper and his son» im Kino Gotthard Zug am Montag, 11. Dezember, um 20 Uhr. Diedie Weng ist anwesend.


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