Weiss, Zug, 1842/1855: Eine der ältesten Mostereien

ZUGER KIRSCHDESTILLERIEN ⋅ Die Kirschwasser-Destillerien in der Stadt Zug, 1798–2017: Ein hochprozentiges Stück Wirtschafts-, Gesellschafts- und Kulinarikgeschichte.
10. Oktober 2017, 05:02

In der Stadt Zug ansässig war die Obstweinkelterei «Weiss zum Erlenbach», die mindestens auf das Jahr 1855 zurückgeht, wenn nicht sogar auf das Jahr 1842. Das ­Familienunternehmen war im «Erlenbächli» zu Hause, einem Bauerngehöft im Neustadtquartier. Die Firma bezeichnete sich als «älteste Privatmosterei» und bot neben Birnen- und Apfelweinen auch Kirschwasser und Obstbranntwein an.

Gemäss Angaben der heutigen Besitzer fand der erste Handel mit «Kirschwasser» bereits 1842 statt, das entsprechende Kassabuch ist jedoch verschollen. Überliefert ist aber ein jüngeres Kassabuch von 1855: «Dem Johann Bossard 20 Mass Kirschenwasser à 2 Fr. 20 lt. & 35 1/2 Mass Trästbrenz à 2 Fr. & 30 Mass Zwätschgenwasser à 2 Fr. geben, 175 Fr.» Demzufolge gilt die Firma Weiss als älteste noch bestehende gewerbliche Kirschwasserbrennerei in der Region Zug-Rigi, die sich in Familienbesitz befindet. Der Kassabucheintrag fällt in die Lebenszeit von Johann Weiss (1792–1863), der als Gründer der Firma gelten dürfte. Sein Sohn Johann Georg Weiss- Bucher/Müller (1829–1885) erweiterte den Betrieb und das Heimwesen, im Park liess er einen prächtigen Springbrunnen mit schwimmenden Goldbarschen bauen.

Grösster Destillateur von Zug

1885 ging die Firma an dessen Sohn Albert Weiss-Paul I. (1866–1929) über. Dieser gab die Landwirtschaft ganz auf und setzte voll auf das Mosterei- und Spirituosengeschäft. 1929 wurde das Unternehmen von dessen Sohn Albert Weiss-Kaiser II. (1899–1961) übernommen.

Die «Obstkelterei A. Weiss» wurde an diversen Fachausstellungen mit Goldmedaillen ausgezeichnet. 1932 verfügte die Kelterei über vier mobile Brennereien mit sechs Brennblasen à je 300 bis 400 Liter beziehungsweise zwei Brennblasen à 300 bis 600 Liter sowie eine feststehende Brennblase à 1500 Liter, was einem hohen Volumen von 3900 bis 5100 Litern entsprach. Damit war die Firma Weiss in dieser Zeit der grösste Destillateur von Zug. Die «Obstweinkelterei und Destillerie Weiss, Zug» bot auch «feinsten Medizinal-Kirsch» an. Albert Weiss installierte zudem neue Maschinen zur erfolgreichen Herstellung alkoholfreier Obstsäfte. In den 1950er-Jahren gliederte er noch ein Transportunternehmen mit Lastwagen an.

1961 übernahmen die beiden Söhne Kurt Weiss-Kündig (*1926) und Frank Weiss-Voit (*1931) das Geschäft. 1985 zog die Firma aus Platzgründen an die Riedstrasse 10 in Cham. 2004 übergab Frank Weiss den Betrieb seinem Sohn Claude Weiss-Brezmes (*1967) in der sechsten Generation. Heute ist die «Weiss zum Erlenbach AG» vor allem eine Getränke- und Weinhandlung, das Mosten hingegen gab sie auf. Aber mit Stolz brennt das Familienunternehmen noch immer ihren eigenen Kirsch und setzt so die über 150-jährige Firmentradition mit dem Zuger Kirschwasser fort.

 

Ueli Kleeb

redaktion@zugerzeitung.ch

Hinweis

Gekürzter Vorabzug über das Zuger Kirschgewerbe aus dem neuen Buch «Chriesi, Kirschenkultur rund um Zugersee und Rigi», her­ausgegeben von DNS-Transport Zug (Ueli Kleeb & Caroline Lötscher), welches im Dezember erscheint und bei der Edition Victor Hotz (edition@victor-hotz.ch, 041 748 44 44) zum Preis von 88 Franken vorbestellt werden kann.


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