Weltpolitik im Schulzimmer

CHAM ⋅ Sechs Volksvertreter aus dem Kanton Zug sitzen mit 20 Sekundarschülern für eine Diskussion über die Flüchtlingssituation zusammen. Im kleinen Kreis zeigt sich, dass die Politik Jugendliche durchaus anzusprechen vermag.
07. Oktober 2017, 05:00

Raphael Biermayr

raphael.biermayr@zugerzeitung.ch

Die Schüler mussten bald eine wichtige Lektion in Sachen Politik lernen: Während längerer Ausführungen gilt es, gegen eine schleichende Unaufmerksamkeit anzukämpfen. Einige stützten die Köpfe auf die Hände, der eine oder andere leere Blick verriet Gedankenabsenz. Es war ja auch eine Herausforderung für die 20 Sekundarschüler der 3. Kunst- und Sportklasse in Cham: am letzten Schultag vor den Herbstferien mit sechs Politikern in einem kleinen Zimmer im Schulhaus Röhrliberg zu sitzen.

Zum Abschluss der Staatskunde-Projektwoche wartete eine Diskussion mit den Chamer Volksvertretern Esther Haas (ALG-Kantonsrätin), Christine Blättler (CVP-Gemeinderätin), Arno Grüter (FDP-Sektions-Präsident), Rolf Ineichen (SVP-Gemeinderat) Beat Schilter (parteiloser Gemeinderat) sowie dem Zuger SP-Vertreter Rupan Sivaganesan. Das vorgegebene Thema betraf die Flüchtlingssituation – die grosse Welt also, die sich stark verändert hat seit dem Jahr 1981, aus dem die Karte im Schulzimmer stammt.

Vor allem die Politiker sprechen

In der Begrüssung war von einer «kleinen Arena» die Rede. Das grosse Pendant aus dem Fernsehen gleicht manchmal einem Kindergarten, was die Diskussionskultur anbelangt. Bei den Oberstufenschülern herrschte hingegen Sitte vor, was nicht zuletzt der Scheu der Schüler geschuldet war. Die Politiker diskutierten deshalb vor allem miteinander. Einige gaben sich Mühe, publikumsnahe Ausführungen zu machen und einfach nachvollziehbare Beispiele zu nennen. Die einheimische Gemeinderätin Christine Blättler band die Schüler mit einer Umfrage zur Zahl von Asylsuchenden in Cham ein.

Zustimmung von vielen Schülern erhielt die Wortmeldung von Yannick Sägesser (15). Asylbewerber, die sich nicht an die Schweizer Regeln halten würden oder sich nicht integrierten, sollten ausgeschafft werden. Die 15-jährigen Nora Joho pflichtete ihm bei und führte aus: «Es ist wie in der Schule – wer Seich macht, gehört bestraft.» Sie wohnt ganz in der Nähe des Chamer Schluechthofs, in dessen Zivilschutzanlage im Jahr 2015 Asylbewerber untergebracht wurden. Ihr Erfahrungsbericht dazu: «Ich hatte nie Angst vor diesen Menschen und kenne auch keinen, der Angst hatte. Wenn man die Leute aufklärt, ist das Zusammenleben kein Problem.» Das Gesangstalent Joho war die aktivste Diskussionsteilnehmerin aus dem Schülerkreis. Ihre Redefreude ist keine schlechte Voraussetzung für ihren Traumberuf Diplomatin.

Im Gespräch in kleiner Runde mit ihr und drei Klassenkameraden zeigt sich, dass sich die Jugendlichen für Politik interessieren, einige dank der Projektwoche. «Am Anfang hatte ich das Thema nicht so gern. Aber es ­ ist interessant, seine Meinung durchzusetzen», hat Valentina Bucholzki (14) aus Buonas festgestellt. Carina Stocker (14) aus Hünenberg, die vor kurzem herausgefunden hat, dass ein Onkel von ihr früher Regierungsrat gewesen sei, sieht ihre Zukunft nicht in der Politik. Ihre Begründung: «Ich bin nicht so gut darin, meine Meinung durchzusetzen, sondern höre auf die anderen und hinterfrage meine Meinung dann wieder.» Und Yannick Sägesser aus Jonen AG hat schlichtweg «keine Lust, meine Meinung immer vertreten zu müssen.»

Die Wähler von morgen

Was die Parteisympathien betrifft, haben sich die vier festgelegt: Sägesser würde SVP wählen, wenn er dürfte. «Man hört nur Schlechtes wegen der aggressiven Plakate und so. Aber sie ist gegen Atomkraftwerke und hat auch andere Themen, die mich interessieren.» Joho entschiede sich für die FDP, weil die sich «für eine gute Wirtschaft einsetzt und den Homosexuellen und sowieso allen Leuten ihre Freiheiten lässt.» Stocker sei wegen dieser Freiheiten von der SP auf die FDP umgeschwenkt. Und Bucholzki mag die Grünen, weil diese «den Flüchtlingen eine Perspektive bieten wollen.»


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