Wenn Hühner auf Reisen gehen

ROTKREUZ ⋅ Als bislang einzige Zuger Landwirte setzen Ralph und Gesche Buholzer auf einen mobilen Hühnerstall. Das System hat sich bewährt, bald soll ein weiteres Gefährt in Betrieb gehen. Die Marke: Eigenbau.
15. April 2018, 05:00

Rahel Hug

rahel.hug@zugerzeitung.ch

Eier vom nahen Bauernhof im «Drive-in» kaufen: Wer mit dem Auto von Rotkreuz auf der Hauptstrasse in Richtung Luzern fährt, findet rechter Hand kurz vor dem Dorfausgang einen Eierautomaten. Im Angebot: frische Eier zum Preis von 60 Rappen pro Stück. Bei den Eiern vom Haldenhof handelt es sich um besondere Eier. Ralph und Gesche Buholzer, die Betriebsleiter des Hofs, setzen seit bald einem Jahr auf den Einsatz eines Hühnermobils. Das ist ein mobiler Stall für Lege­hennen – ein Konzept, das sich in Deutschland bereits etabliert hat und in der Schweiz immer mehr im Kommen ist. Im Kanton Zug sind die Buholzers bislang die Einzigen, die sich für diese Variante der Eierproduktion entschieden haben.

200 Hühner sind zurzeit im 11 Meter langen und 4 Meter breiten «Wohnwagen» des Bauernpaars einquartiert. Einmal im Monat versetzt Ralph Buholzer das Gefährt inklusive vier Weiden auf seinem Grundstück. «Die Tiere bekommen in regelmässigen Abständen frisches Gras», beginnt der Bauer die Vorteile des Systems aufzuzählen. Ausserdem könne man eine Überdüngung des Bodens vermeiden, die Gefahr von Krankheiten sei deutlich geringer.

Das Hühnermobil funktioniert energieautark

Das Hühnermobil hat der 33-jährige Landwirt selbst gebaut – aus einem Kühlauflieger, der früher für die Migros im Einsatz war. «Ich bin ein Tüftler», sagt Buholzer mit einem Lachen. «Auch die meisten anderen Teile sind rezykliert.» Die Fütterungsanlage, die Tränken und die Legenester sind neu, denn dafür braucht es eine Zertifizierung. «Selbstverständlich ist auch die Hygiene sehr wichtig.» Rund 45000 Franken hat er in die ganze ­Anlage investiert. «Dazu kommen viel Zeit und Nerven.» Das Mobil funktioniert energieautark. Auf dem Dach sind 12 Quadratmeter Solarpanels installiert, die den Wagen mit Strom versorgen. Über eine App kann Gesche Buholzer die Temperatur im Mobil steuern und das Förderband für die Eier bedienen. Was mit Smart-Home-Systemen schon in zahlreichen Privathaushalten gang und gäbe ist, gilt also auch für diesen Hühnerstall.

Dank des modernen Systems muss Gesche Buholzer, die sich um die Hühner und die Vermarktung der Produkte kümmert, im Prinzip nur zweimal täglich vor Ort sein – um die Eier zu verpacken und die Tiere am Abend ­zurück ins Mobil zu «versorgen». «Da ich auch noch auf unsere kleinen Kinder aufpasse, ist das für mich eine ideale Arbeit», ­erzählt die 30-Jährige. Die Buholzers haben zwei Kinder: Olivia (3) und Timon (2).

«Auf das Huhn gekommen» ist Ralph Buholzer, als er vor ­etwas mehr als einem Jahr von der Milchproduktion auf Kälbermast umstellen wollte. «Ich habe im Internet nach mobilen Kälberställen gesucht, was sich ziemlich schwierig gestaltete. Dabei stiess ich auf die Idee des Hühner­mobils.» Das Ehepaar, das neben Mastkälbern auch Mastschweine hält, beschloss schliesslich Anfang 2017, den Versuch zu wagen und in die Direktvermarktung einzusteigen.

Positive Rückmeldungen von den Kunden

Ein Schritt, der sich gelohnt hat, wie sich heute zeigt. Und dies, obwohl es für die Produktion von Eiern effizientere und billigere Lösungen gäbe, wie Gesche Buholzer schildert. «Bei der Bodenhaltung verbrauchen die Hühner weniger Energie, als wenn sie sich auf einer Wiese bewegen können. Das erhöht aber die Leistung.» Auf dem Haldenhof liegt die ­Legeleistung zwischen 80 und 95 Prozent. Das heisst, dass 100 Hühner täglich mindestens 80 Eier legen. «Unsere Eier sind gross, und die Qualität ist sehr gut. Beispielsweise ist der Eidotter sehr gelb und geschmacklich hervorragend. Die Rückmeldungen unserer Kunden jedenfalls sind durchwegs positiv», erklärt die Bäuerin und ergänzt: «Es gibt Sportler, die unsere Eier roh essen und sagen, dass sie nie wieder ­andere verzehren möchten.» Den Preis von 60 Rappen würden die Konsumenten gerne bezahlen.

Bei Buholzers Eierautomat halten «sowohl der Oldtimer auf der Sonntagsfahrt wie auch der kleine Ford» an, wie Ralph Buholzer verrät. Ausserdem hat die Familie jeweils einen Stand am Dorfmärt Rotkreuz und liefert Eier an ein Restaurant in der Nähe. Den Automaten an der Luzernerstrasse muss die Familie jeden Tag auffüllen. Zwischen 160 und 180 Eier vom Haldenhof werden hier täglich an den Konsumenten gebracht. «Wir müssen zurzeit sogar Eier dazukaufen», berichtet Gesche Buholzer.

Im Mai werden weitere Hühner einziehen

Aus diesem Grund haben sie und ihr Mann beschlossen, weiter in das innovative System zu investieren. Das zweite Hühnermobil ist schon bald fertig – natürlich ist es wieder «Marke Eigenbau». Der Wagen wird Platz für 500 Hühner bieten. Im Mai werden die Tiere der Rassen Sperber, Italiener, Braune und Weisse einziehen.

Ein Augenschein im mobilen Hühnerstall und der eingezäunten grünen Weide zeigt: Die Hühner scheinen zufrieden mit ihrem «Wohnwagen» und der Umgebung. Das Ehepaar Buholzer ist sich einig: «Wir bereuen nicht, dass wir diesen Schritt gewagt haben.»


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