Wer langsamer lebt, stirbt später

LEBENSENDE ⋅ Anlässlich des Welthospiztages luden die Vereine Hospiz Zug und Palliativ Zug mit zehn weiteren Partnern zur «Entschleunigungsshow» in die Citykirche.
07. Oktober 2017, 08:48

Wolf Meyer

redaktion@zugerzeitung.ch

Auf der Bühne ist Thomas Leuenberger «Baldrian». Ein gemütlicher Berner, der nach einer fünfzigjährigen Langzeitstudie zum Thema Langsamkeit seinem Publikum die Vorzüge des entschleunigten Lebensstils näherbringt. Mit einer Mordsruhe und verspielten selbst gebauten Gadgets beruhigt er seine über 200 Zuhörer auf Wohlfühltempo her­unter. Baldrian macht nicht Stand-up-, sondern «Sit-down»- Comedy. Neben der Bühne ist der in «beruhigendes Grün» gekleidete Berner jedoch an diesem Abend nach seiner Show noch etwas ganz anderes als der langsamste Clown der Welt: genesener Leukämiepatient.

Palliativ Zug vernetzt Organisationen mit palliativen Dienstleistungen im Kanton Zug, wie die Krebsliga, die Spitex oder auch Kirchen und Seniorenorganisationen, und steht bereit als erste Anlaufstelle für Betroffene und Angehörige von schwer kranken und sterbenden Menschen. «Wir wenden uns heute nicht nur an Menschen, die in naher Zukunft unser Netzwerk in Anspruch nehmen werden, sondern an die ganze Bevölkerung. Denn schlussendlich geht auch das Sterben alle etwas an», erklärt Birgit Hermes, Leiterin der Fachstelle Palliativ Zug.

Ein Fünftel benötigt spezielle Pflege

Achtzig Prozent der Bevölkerung durchleben vor dem Lebensende eine chronische Krankheit. «Sterben, wie man sich das wünscht, ist nur den wenigsten vergönnt. Oft geht dem Tod ein längerer Leidensweg voraus», stellt die Präsidentin des Vereins Hospiz Zug Frieda Waldispühl Zindel klar. Wiederum rund achtzig Prozent dieser Patienten können durch die Grundversorgung über Hausärzte, im Akutspital, mit Spitex und Entlastungsdiensten wie dem Schweizerischen Roten Kreuz Zug oder im regulären Spital und Pflegebetrieb betreut werden. Die restlichen zwanzig Prozent benötigen verschiedene spezialisierte Pflege- und Betreuungsleistungen von Ärzten, Pflegenden, psychosozialen Fachpersonen und Seelsorgern. Alle diese Dienstleistungen werden unter dem ­Begriff Palliative Care zusammengefasst. Waldispühl und ihr Team von Freiwilligen begleiten schwer kranke und sterbende Menschen auf dem letzten Stück Lebensweg.

Für Thomas Leuenberger gab es eine Zeit, in der nicht sicher war, ob er sich bereits auf diesem Weg befindet. Im März 2012 diagnostizieren seine Ärzte bei ihm Leukämie, eine Erkrankung des blutbildenden oder lymphatischen Systems – Blutkrebs im Volksmund. Dreimal unterzieht er sich in den kommenden acht Monaten im Berner Inselspital einer einmonatigen Chemotherapie. «Für mich war es in dieser Zeit sehr wichtig, meinen Humor nicht zu verlieren.» Leuenberger färbt vor der Ärztevisite mit Randensaft seine Zunge rot und macht seine Ärzte glauben, die neue Chemotherapie habe mysteriöse Nebenwirkungen. «Für einen kleinen Moment war mein Krankenbett die Bühne mit einem kleinen lachenden Publikum um mich herum. Das hat mir viel Kraft gegeben.» In der Citykirche zeigt Leuenberger Fotos von sich aus dieser Zeit und erzählt seine Geschichte. «Diese Themen sind viel zu stark tabuisiert in unserer Gesellschaft», machen Hermes und Waldispühl klar. «Deswegen wollen wir die Bevölkerung zum Diskurs anregen, informieren, sensibilisieren und Berührungsängste abbauen.»


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