Wie der Strom zur Fabrik kam

SERIE (5/5) ⋅ Dass ein Industriebetrieb im Süden und Norden der Stadt Zug betrieben werden konnte, war lange nicht selbstverständlich. Der Bau eines Kraftwerks macht dies erst möglich.
10. Januar 2018, 05:00

Samantha Taylor

samantha.taylor@zugerzeitung.ch

Dass sich die Landis & Gyr als Industriebetrieb erst an der Hofstrasse im Süden der Stadt Zug und dann im Bereich des heutigen L&G-Areals im nördlicheren Teil der Stadt bei der Gubelstrasse angesiedelt hat, ist nicht selbstverständlich. Denn beide Gebiete, waren damals – 1896 als die Landis & Gyr gegründet wurde – erst seit kurzem überhaupt für Industriebetriebe tauglich. Der Grund: Sie konnten damals erst seit wenigen Jahren mit Strom versorgt werden.

Insgesamt lässt sich die Zuger Industriegeschichte in zwei Teile gliedern: in die Zeit vor und nach Beginn er Stromproduktion. Während des 19. Jahrhunderts wurden die Fabriken vor allem entlang der Lorze gebaut. Der Fluss trieb mit seiner Wasserkraft die Maschinen an. Zu diesen Betrieben zählte unter anderem die Spinnerei Baar. Die Stadt Zug und damit auch die Standorte der Landis & Gyr lagen nicht an dieser Energiequelle. Die Stadt Zug war aus diesem Grund auch nur ganz im Westen industrialisiert. Dort entstand beispielsweise an der Chamerstrasse 170 im Jahr 1851 eine Baumwollweberei.

Doch 1891 wurde alles anders und das Feld für Industriebetriebe öffnete sich. Zu diesem Zeitpunkt wurde im Lorzentobel das erste Elektrizitätswerk mit einer Turbine von 120 Pferdestärken (PS) Leistung in Betrieb genommen. Auf dem rechten Tobelufer war ein Stauwehr errichtet worden, eine Druckrohrleitung von 90 Zentimetern Durchmesser und 1,1 Kilometer Länge brachte das Wasser bei 48 Meter Gefälle ins Maschinenhaus. Die Leitungen brachten die neue Energie in die Stadt und in rascher Folge entstanden grosse Fabriken – unter anderem eben die Landis & Gyr. Ein weiteres Kraftwerk baute die Untermühle Zug im Jahr 1897. Sie erstellte das Werk ebenfalls im Lorzentobel und führte den Strom mit einer eigenen Leitung an die Baarerstrasse in die Industriemühle.

Ein Hotel als grosser Stromverbraucher

Vor der Stromversorgung gab es in Zug jedoch eine Wasserversorgung. Diese wurde im Jahr 1878 in Betrieb genommen. Der grösste Abonnent war damals die 1880 gegründete Metallwarenfabrik Zug. Sie bezog insgesamt 106300 Kubikmeter Treibwasser pro Jahr für eine Turbine von 15 PS. An zweiter Stelle stand das Hotel Löwen mit 40000 Kubikmetern für eine Turbine von 8 PS. Daran lief eine Lichtmaschine, welche 1884 mit Nidfurren-Wasser Gleichstrom für die Edisonsche Glühlampenbeleuchtung im neuen Hotelsaal und ab 1888 im Stadttheater am Postplatz sowie in der Kantonalbank lieferte.

Ebenfalls vor der Stromversorgung gab es in der Stadt Zug ein Gaswerk. Dieses war ebenfalls 1878 an der Gasstrasse, der späteren Gotthradstrasse 18, gebaut worden. Es wurde 1890 von der Wasserversorgung Zug übernommen und musste wegen der neuen Gotthardbahnlinie 1897 an einem neuen Standort an der Aabachstrasse mit Gasometern, Gasfabrik und Gasmeisterhaus neu errichtet werden.

Mit dem Kraftwerk und der Einführung des Stroms wurde das Energieunternehmen von Wasserversorgung Zug in Wasserwerke Zug AG (WWZ) umbenannt. Ab diesem Zeitpunkt lieferte das Unternehmen Wasser, Gas und Strom.

Heizen mit Torf vom Zugerberg

Die Landis & Gyr liess ihre Fabrik mit Gleichstrom versorgen. Ein Elektromotor trieb die Transmission im Arbeitssaal der ersten Manufaktur an der Hofstrasse an. Zu Beginn der Produktion, als mit vorfabrizierten Bestandteilen gearbeitet wurde, war die Erzeugung von Wärme noch nicht ein sehr zentrales Thema. Die Fabrik an der Hofstrasse war mit mehreren kleinen Kaminen ausgestattet, die Heizung befand sich vorerst im Keller des Theilerhauses, dann im Keller der ersten Shedhalle. Mit dem Bau der Werkhalle hinter dem Theilerhaus musste 1915 ein Hochkamin erstellt werden, weil die Fabrik während des Ersten Weltkriegs auf Torfheizung umgerüstet wurde. Die Landis und Gyr baute den Torf für das Heizen damals gleich selber ab. Und zwar auf dem Vordergeissboden auf dem Zugerberg. Die entsprechenden Abbaurechte hatte sie von der Korporation Zug abgekauft.

Als dann am neuen Standort an der Gubelstrasse die Shedhalle errichtet worden war, wurde für die Fabrik eine eigene Kraftanlage mit Dieselmotor installiert. Die erste Heizung in der neuen Fabrik befand sich an der Südostseite des Kopfbaus. Die beiden Kamine auf dem Flachdach gehörten lange zu den Erkennungsmerkmalen der Fabrik. Für die während des Zweiten Weltkriegs eingerichtete Torffeuerung musste 1941 ein 50 Meter hoher Kamin gebaut werden. Eine mit Eisenbahnwagen befahrbare Torflagerhalle und neue Heizkessel wurden notwendig. Als kein Torf mehr verbrannt werden musste, wurde der Hochkamin 1957 abgebrochen. Zehn Jahre später ging die neue Heizzentrale mit einem 60 Meter hohen Kamin in Betrieb.

Alles ist unterirdisch verbunden

Der Neubau der Landis & Gyr im Bereich der Gubelstrasse war bereis auf eine Grossproduktion ausgelegt, als die Anlage gebaut wurde. Sämtliche Teilbereiche des Baus waren miteinander verbunden. Das hob denn auch Direktor Edwin Bauer hervor. «Als wesentliche Neuerung sind grosse unterirdische Gänge angelegt worden, in denen alle Leitungsröhren Wasser, Gas, Heizung, komprimierte Luft sowie die gesamten elektrischen Kabelleitungen untergebracht sind.» Die Gänge weisen eine Breite von 2 Metern und eine Höhe von 2,2 Metern auf. Sie sind bis heute in Betrieb und werden für die Haustechnik genutzt und zeigen, wie aufwendig und professionell die Fabrik konzipiert worden ist.

Hinweis

In einer fünfteiligen Serie stellen wir die Geschichte der L & G unter verschiedenen Aspekten vor. Die Bilder stammen aus dem Buch von Heinz Horat «Die Fabrik in der Stadt Zug» – Wie die Landis & Gyr Zug verändert hat (ISBN 978-3-03919-436-0). Das Buch kann über den Buchhandel oder beim Industriepfad Lorze für 59 Franken bestellt werden.


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