Stadtpräsident gibt Rückzug aus Politik in einem emotionalen Brief bekannt

WAHLEN STADT ZUG ⋅ 36 Jahre Zuger Stadtpolitik sind genug: Dolfi Müller (SP) hat am Mittwoch seinen bereits angekündigten Rückzug aus der Politik offizialisiert – er hat seiner Partei in einem emotionalen Abschiedsbrief mitgeteilt, dass er im Herbst nicht mehr für das Stadtpräsidium kandidieren wird.
Aktualisiert: 
15.02.2018, 11:00
14. Februar 2018, 16:33

Dolfi Müller, der im Mai 63 Jahre alt wird, nahm 1983 Einsitz im Zuger Stadtparlament. Diesem gehörte er bis zu seiner Wahl in den Stadtrat im Jahr 2003 an. Er stand dem Baudepartement vor. 2007 wurde der SP-Politiker zum Stadtpräsidenten gewählt.

Die Stadt Zug sei in den Bereichen Wirtschaft, Politik und Gesellschaft bestens aufgestellt, hält Müller in seiner persönlichen Mitteilung «an alle Interessierten» fest. Dies habe «sicherlich mit der Machermentalität der Zugerinnen und Zuger zu tun».

Während seiner langen politischen Arbeit habe er «fast schon magische Momente» erlebt, schreibt Müller und verweist unter anderem auf die gloriose Stadttunneldebatte oder die Rührung der Preisträger bei der Entgegennahme der Zuger Kulturschärpe.

Alles war aber nicht so grandios: «Sie verzeihen mir, wenn ich die leidigen Diskussionen um Parkplätze und Kirschtortenplatz nicht gross vermissen werde.»

Nach dem Ende der laufenden Legislatur will Müller «einfach mal raus aus dem Planungsmodus». Eine grosse Weltreise mit seiner Frau nehme Konturen an. Zudem wolle er sich mindestens zwei Jahre Freiheit und Ruhe gönnen. (sda)

 

Der komplette Abschiedsbrief von Dolfi Müller

Geschätzte Damen und Herren

Um es noch offiziell zu machen: Ich habe der Parteipräsidentin der SP Stadt Zug, Karin Hägi, in aller Form mitgeteilt, dass ich für die Wahlen 2018 in den Stadtrat von Zug nicht mehr kandidieren werde.

36 Jahre Stadtpolitik im GGR und im Stadtrat sind genug, zumal ich Ende 2018 nicht mehr allzu weit vom Pensionierungsalter entfernt sein werde.

Die grosse Weltreise mit meiner Frau Ursula nimmt allmählich Konturen an. Ansonsten gönne ich mir mindestens 2 Jahre Freiheit und Ruhe. Einfach mal raus aus dem Planungsmodus, die Kontrolle aus der Hand geben und warten, was auf einem zukommt. Mein Leben als Stadtpräsident war immer sehr vielseitig und interessant, zeitweise auch belastend.

Ohne die grosse Unterstützung meiner Familie und vor allem meiner Frau wäre es nicht gegangen.
Ihnen, aber auch dem starken Stadtratsteam, meinen engsten Mitarbeitenden und der ganzen Stadtverwaltung bin ich zu grossem Dank verpflichtet. Speziell die letzten paar Jahre waren eine wunderbare und spannende Zeit im Zuger Stadthaus.
Der Dank geht auch an meine Partei und an alle, die sich trotz der zunehmenden Herausforderungen des Alltags in der städtischen und kantonalen Politik engagieren. Das ist alles andere als selbstverständlich.

Unvergessen bleiben einige fast schon magische Momente, wie man sie als in der Öffentlichkeit stehender Mensch bisweilen erlebt.

So etwa die «gloriose» Stadttunneldebatte im Casino, wo sicher 90 % der Anwesenden sofort Ja gestimmt hätten. Ein Jahr später sah es dann anders aus.
Der Zuschlag des Landis&Gyr-Gebäudes an die Stadt, obwohl es ein höheres Preis-Angebot gab. Das Bauchtor von Schnitz gegen den SCB, das uns im Frühling 2017 vom Meistertitel träumen liess.
Die Rührung der Preisträgerinnen und -träger bei der Entgegennahme der Zuger Kulturschärpe. Und natürlich die Spontanidee beim stadträtlichen Zmittag im April 2016, Bitcoin zu akzeptieren. Ein Bitcoin kostete damals rund 500 Franken.
Aktuell spürt Zug sogar so etwas wie den Puls der Zukunft. Was daraus wird, werden wir erst in einigen Jahren wissen.

Die Stadt Zug jedenfalls ist bestens aufgestellt – in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Das hat sicherlich mit der Machermentalität der Zugerinnen und Zuger zu tun. Offenheit, Vielfalt und Nähe – so heisst das altbewährte Zuger Rezept. Letztlich ist es vor allem ein grosses Glück, an einem solchen Ort leben zu dürfen.

Sie verzeihen mir, wenn ich die leidigen Diskussionen um Parkplätze, Casino-Balkönli, Kirschtortenplatz und Granderwasser nicht gross vermissen werde.
Was mir wirklich Sorgen bereitet: Seit der Volksentscheid zum EPA-Platz vor gut 10 Jahren gerichtlich aufgehoben worden ist, hat sich in Zug die Unsitte eingeschlichen, demokratische Entscheide nicht mehr zu akzeptieren. Das Salesianum, das LG-Gebäude und aktuell der Postplatz lassen grüssen. Demokratie beruht auf Minderheitenschutz, aber auch darauf, dass Minderheiten einen Entscheid akzeptieren, wenn sie in der Volksabstimmung unterlegen sind.

Ich wünsche unserer Stadt und allen, die nach mir kommen werden, nur das Beste und schliesse mit einem schönen Satz der ehemaligen amerikanischen Präsidentengattin Eleonore Roosevelt:

«Mach jeden Tag etwas, wovor du Angst hast.»

Eigentlich reicht es schon, wenn man zwischendurch mal ein bisschen mutig ist!

Es war mir eine Freude und eine Ehre.

Beste Grüsse
Dolfi Müller
Stadtpräsident


 

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