Ecclestone: «Seriensieger sind nicht gut für das Produkt»

AUTOMOBIL ⋅ Das Saisonfinale in Abu Dhabi markierte einen Einschnitt für die Formel 1. Die Königsklasse könnte sich 2017 deutlich verändern – aber zuerst muss der Verkauf über die Bühne.

28. November 2016, 16:29

Marco Heibel, SID/Abu Dhabi

sport@luzernerzeitung.ch

Neue Regeln, ein neuer Besitzer – eine neue Formel 1? Das künftige Aerodynamik- und Reifenreglement könnte das Feld 2017 durcheinanderwirbeln und die Dominanz von Mercedes beenden. Dazu will Liberty Media der Königsklasse im Automobilrennsport mit frischen Ideen neuen Glanz verleihen.

Nach dem Saisonfinale 2016 in Abu Dhabi lässt sich allerdings nur mutmassen, ob diese Massnahmen zu einer Zeitenwende führen – oder ob es eher ein leichtes Facelifting wird.

Promoter Bernie Ecclestone bringt das aktuelle Kernproblem der Formel 1 auf den Punkt. «Seriensieger sind nicht gut für das Produkt», sagt der Brite. «Im Moment weiss jeder, wer gewinnt.» Und das ist Mercedes. Auch im dritten Jahr der Hybrid-Ära waren die Silberpfeile allen Konkurrenten weit voraus, der neue Weltmeister Nico Rosberg und Lewis Hamilton fuhren seit 2014 51 Siege in 59 Rennen ein.

So überlegen war selbst Ferrari in der Ära von Michael Schumacher nicht, auch McLaren mit der legendären Fahrerpaarung Senna/Prost konnte eine derartige Dominanz über einen solchen Zeitraum nicht ausüben.

Doch durch das neue Reglement, das Züge einer «Macho-Kur» trägt, könnte die Vormachtstellung von Mercedes bröckeln. Die Autos werden 2017 um 20 Zentimeter breiter, die Reifen um 25 Prozent, der Heckflügel schliesst deutlich tiefer ab.

Und die imposanten Boliden werden nicht nur schnell aussehen. Laut Berechnungen der Teams, die allesamt seit Monaten an den Fahrzeugen arbeiten, werden die Rundenzeiten um bis zu 5 Sekunden sinken. Skeptiker werfen allerdings ein, dass das Überholen durch zusätzliche Luftverwirbelungen künftig noch schwerer fallen könnte.

Im Moment wie ein leeres Blatt Papier

«Die neuen Regeln sind für jeden wie ein leeres Blatt Papier», sagt Christian Horner, dessen Red-Bull-Team eine treibende Kraft der «Macho-Kur» war: «Wir sind optimistisch, dass es für uns nach vorne geht.» Der viermalige Weltmeister Sebastian Vettel hofft nach einer katastrophalen Saison mit Ferrari ebenfalls auf den nächsten Schritt, meint aber auch: «Alle haben die gleiche Chance, einen grösseren Schritt zu tun als die Konkurrenz.»

So ganz stimmt das nicht. Der Kreis der möglichen Profiteure dürfte sich wohl auf Ferrari, Red Bull und Renault beschränken. Denn weiterhin funktioniert die Formel 1 ja nach einem System, welches die grossen Teams noch reicher macht, den kleineren Rennställen bleibt wenig vom milliardenschweren Kuchen.

Ändern könnte sich daran erst etwas, wenn der US-Unterhaltungsriese Liberty Media die Übernahme der Formel 1 abgeschlossen hat. Das soll allerdings erst im Frühjahr nach der Prüfung durch die Kartellwächter der Fall sein. In Abu Dhabi zeigte sich der designierte Formel-1-Vorstand Chase Carey erneut im Fahrerlager, doch die konkreten Pläne von Liberty Media sind weiter unklar.

Europäischer Markt soll gestärkt werden

Mehr Unterhaltung und die ­Stärkung des zuletzt darbenden Formel-1-Kernmarktes Europa (Stichwort: Hockenheim-Aus 2017)sind vage Vorstellungen, die durchgesickert sind. Fix ist aber nichts, auch nicht die Zukunft des mittlerweile 86-jährigen Ecclestone. Den halten längst nicht mehr alle Teamchefs für den richtigen Steuermann.

Losgelöst von Liberty Media wollen auch die aktuellen Entscheidungsträger die Attraktivität der Serie erhöhen, daher steht nun eine neue Idee zur Abstimmung: Demnach soll nach jeder Safety-Car-Phase künftig stehend gestartet werden. Dadurch würden in zahlreichen Rennen mehr Hochspannungsmomente geschaffen – und das Feld ziemlich sicher durchgemischt.


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