Ferrari-Pilot Vettel, der Genussmensch

AUTOMOBIL ⋅ Sebastian Vettel hat mit seinem Sieg im GP von Bahrain seine Ambitionen in der Formel 1 untermauert. Die Rückkehr in den Kreis der Titelanwärter verdankt der Deutsche auch einem Romand.
18. April 2017, 08:19

Die Auslaufrunde am Ostersonntagabend in Sakhir hätte für Sebastian Vettel (29) durchaus länger dauern können. «In einem solchen Moment würdest du am liebsten die Zeit anhalten. Einfach wunderbar», sagt Vettel. Der Deutsche siegt – und geniesst. Er geniesst wohl mehr als jemals zuvor. Wer mag es ihm verdenken nach einem Jahr voller Frustration und Ohnmacht, nach einer Saison ohne reelle Chance, den hohen Erwartungen gerecht zu werden. Diese Hoffnungslosigkeit und die praktisch im Zwei­wochenturnus offenbarten Mängel haben wehgetan – einem Erfolgsverwöhnten und vom Erfolg Besessenen wie Vettel im Speziellen.

Der Sieg vor dem Mercedes-Duo Lewis Hamilton/Valtteri Bottas in Sakhir, sein zweiter in dieser Saison nach jenem drei Wochen zuvor beim Auftakt in Melbourne, hat für Vettel einen besonderen Stellenwert. Selbstverständlich hat die perfekt umgesetzte Taktik mit dem vorgezogenen ersten Boxenstopp für das Reifenwechseln zum erfolgreichen Abstecher in die Wüste Bahrains beigetragen. Vettel hat gleichwohl die Gewissheit, mit dem SF70-H, dessen Name an das 70-jährige Bestehen der Scuderia aus Maranello erinnern soll, über ein Auto zu verfügen, das zum Gewinn des WM-Titels taugt. Die Fortschritte auf Fahrzeugseite im Vergleich zum Vorjahr sind in erhofftem Umfang gelungen. Die Ränge 1 in der Fahrer- und in der Teamwertung belegen das. Die Richtung stimmt, der Grundstein ist gelegt, damit sich Vettel im dritten Jahr als Angestellter von Ferrari den grossen Traum verwirklichen kann.

«Grazie, ragazzi. Grande lavoro», hat Vettel bei der Zieldurchfahrt in Sakhir in den Funk geschrien. Er weiss, wem er die wiedergewonnene Stärke zu verdanken hat. «Unser gesamtes Team leistet Grossartiges. Die Leute in der Fabrik und an der Strecke arbeiten unglaublich hart, Tag und Nacht.»

Schlüsselfigur aus Lausanne

Vettel mag keinen seiner Mitarbeiter hervorheben. Einer wird im Zusammenhang mit dem Aufschwung bei Ferrari aber immer wieder genannt: Mattia Binotto, im vergangenen August als Nachfolger des freigestellten und nunmehr für Mercedes tätigen Briten James Allison zum Technischen Direktor befördert. Der in Lausanne geborene 47-Jährige hat in seiner Geburtsstadt am Polytechnikum ein Studium in Mechanik abgeschlossen und sich danach in Modena zum Fahrzeug-Ingenieur ausgebildet. Binotto arbeitet seit 1995 für Ferrari und hat sich intern über alle Stufen hochgearbeitet. Die Hauptarbeit beim Bau des aktuellen Autos hat noch Allison verrichtet. Gleichwohl gilt Binotto als zentrale Figur der neuesten Erfolgsgeschichte. Der «italienische Romand» sieht sich primär als Manager, bei dem auf der technischen Seite alle Fäden zusammenlaufen. Binottos besonnene, ruhige Art und die Fähigkeit, auch in hektischen Situationen den Überblick zu bewahren, werden in der obersten Chefetage hoch geschätzt. «Die ehemalige Struktur war als hierarchische Organisation aufgebaut, die den Informationsfluss gehemmt hat. Mit Binotto gibt es mehr Transparenz», sagt Ferrari-Präsident Sergio Marchionne.

Mit Binottos Unterstützung will Vettel seine Position als Nummer 1 verwalten – und Genussmensch bleiben.

 

David Bernold, SDA

sport@luzernerzeitung.ch

GP von Bahrain

Sakhir (57 Runden à 5,412 km/308,238 km): 1. Vettel (GER), Ferrari, 1:33:53,374 (196,979 km/h). 2. Hamilton (GBR), Mercedes, 6,660 zurück. 3. Bottas (FIN), Mercedes, 20,397. 4. Räikkönen (FIN), Ferrari, 22,475. 5. Ricciardo (AUS), Red Bull-Renault, 39,346. 6. Massa (BRA), Williams-Mercedes, 54,326. 7. Perez (MEX), Force India-Mercedes, 62,606. 8. Grosjean (FRA/SUI), Haas-Ferrari, 74,865. 9. Hülkenberg (GER), Renault, 80,188. 10. Ocon (FRA), Force India-Mercedes, 95,711. 11. eine Runde zurück: Wehrlein (GER), Sauber-Ferrari. 12. Kwjat (RUS), Toro Rosso-Renault. 13. Palmer (GBR), Renault. 14. drei Runden zurück: Alonso (ESP), McLaren-Honda (nicht am Ziel).

Ausfälle: Vandoorne (Startplatz 17/nicht gestartet): Motor. Magnussen (9. Runde/15. Platz): Elektronik. Verstappen (12./4.): Bremsen. Stroll (13./16.): Kollision mit Sainz. Sainz (13./10.): Kollision mit Stroll. Ericsson (51./14.): Getriebe. Alonso (55./14.): Motor.

WM-Stand (3/20). Fahrer: 1. Vettel 68. 2. Hamilton 61. 3. Bottas 38. 4. Räikkönen 34. 5. Verstappen 25. 6. Ricciardo 22. 7. Massa 16. 8. Perez 14. 9. Sainz 10. 10. Grosjean 4. 11. Magnussen 4. 12. Ocon 3. 13. Hülkenberg 2. 14. Kwjat 2.

Teams: 1. Ferrari 102. 2. Mercedes 99. 3. Red Bull-Renault 47.


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