«Vom Vater habe ich die Ehrlichkeit»

FUSSBALL ⋅ Es hätte mit Vladimir Petkovic ein Gespräch über das Schweizer Team werden sollen. Entstanden ist ein Einblick in das Leben des Nationaltrainers. Der 53-Jährige über Sensibilität, seinen Vater und die Sehnsucht, wieder Klubtrainer zu sein.

25. März 2017, 05:00

Interview: Christian Brägger, Lausanne

Vladimir Petkovic, von heute an folgen vier WM-Qualifikationsspiele, in denen Siegpflicht besteht. Die Schweiz bekommt nun das Gefühl der Topnation, die stets gewinnen muss. Was kann sie daraus lernen?

Nichts. Ich nehme das als Tatsache. Wir versuchen immer, besser als der nächste Gegner zu sein. Wir sind auch besser als Lettland, müssen das aber bestätigen.

Die Letten sind die Weltnummer 111. Was kann man von ihnen erwarten?

Es wird – wie gegen Andorra oder die Färöer – nicht einfach. Wir hatten Mühe, jene Teams zu besiegen. Lettland hat Profis, die in der Bundesliga spielen und im Nationalteam nicht gesetzt sind. Das sagt einiges aus über die Qualität.

Die Schweiz präsentierte sich zuletzt pragmatischer und effizienter. Würden Sie das bestätigen?

Ja. Wir hatten zwar schon Chancen, die wir ausliessen. Schön ist, dass bei uns verschiedene Spieler aus verschiedenen Positionen Tore erzielen können.

Sie selbst zeigen sich offener, entspannter. Der Petkovic, der Medien kritisiert, ist nicht mehr zu sehen.

Das habe ich nur zweimal gemacht. Ich tat einfach meine Meinung kund zu Sachen, die ich beobachtet hatte. Ich musste diese Dinge ansprechen, weil wir an einen Punkt kamen, an dem ich sie nicht mehr tolerieren konnte.

Diese Ansprachen an die Journalisten, wie jene vom Herbst 2014 nach der Niederlage in Slowenien, kamen wie eine Explosion daher.

Nein, ich bin nicht explodiert. Ich war ganz ruhig und habe nur meine Gedanken wiedergegeben. Und erst nach dem offiziellen Teil, als ich fand, ich müsse jetzt noch etwas anfügen. Ich bin nicht jemand, der hintenrum redet oder die Faust im Sack macht. Ich bringe die Dinge auf den Tisch und versuche, wie man so sagt, reinen Tisch zu machen.

Sind Sie sensibel?

Also ich bin jetzt nicht der Mensch, der sofort losweint, wenn etwas passiert. Aber ich denke, ich spüre gewisse Situationen besser als andere, und versuche diese dann positiv zu lösen. Sensibilität darf aber niemals negativ sein.

Soll ein Trainer denn sensibel sein?

Es kommt darauf an. Es ist gewiss ein Vorteil, wenn man fühlt, dass ein Spieler den Coach gerade mehr braucht. Er soll merken, dass ich hinter ihm stehe.

Ihr Einfühlungsvermögen soll gross sein. Wie eignet man sich das an?

Viel rührt von der Erziehung her – und wächst mit der Erfahrung. Ich möchte aus jeder Begegnung etwas mitnehmen und lernen. Man muss sich selbst immer wieder reflektieren und analysieren. Mitgefühl kommt nicht von heute auf morgen, es entsteht in einem Prozess.

Das Team ist zusammengerückt, Sie haben den Prozess Ende 2015 initiiert. Kann man Nähe erzwingen?

Man kann schon Einfluss nehmen. Aber es ist viel einfacher, ein Team zu zerstören als aufzubauen. Es hat lange gedauert, alle mussten mit Bereitschaft und Willen dazu beitragen. Die Spieler sollten wissen: Wir sind bewusst zusammen.

Und da müssen Sie vorausgehen?

Ja, sicher. Der Trainer ist die Verbindung zwischen allen Komponenten. Natürlich ist das alles einfacher, wenn die Resultate stimmen.

Sie sind nun seit zweieinhalb Jahren der Coach der Schweiz. Was hat diese Zeit aus Ihnen gemacht?

Ich bin noch derselbe «Vlado» wie am ersten Tag. Einzig die Umgebung und die Wahrnehmung haben sich ein wenig geändert. Die Rückmeldungen zu meiner Person in der Öffentlichkeit freuen mich.

Aber Sie sind nun auch der «Vlado», der an die Ski-WM geht und dort ein gern gesehener Gast ist.

Bei solchen Anlässen bietet sich den Leuten die Möglichkeit, mich etwas besser kennen zu lernen. Eher den Menschen als den Trainer. Zudem besuchte ich schon immer gerne Skirennen, im Jahr davor war ich in Wengen. Und ich fahre ja auch selber Ski. Aber nicht allzu oft, mein früherer Beruf des Fussballers hat dies verhindert.

Als Sie Nationaltrainer wurden, hat man Sie schubladisiert. Sie haben es geschafft, Klischees zu entfliehen.

In meiner Karriere war es immer schon so: Ich beginne irgendwo neu, und jedes Mal muss ich mehr geben, um Anerkennung zu erhalten. Die Form meiner Spieler sowie meine Entwicklung gegenüber Fremden haben sich verbessert, darauf bin ich stolz. Im Fussball wie auf Nebenschauplätzen muss man bisweilen auch seine Taktik etwas anpassen.

Sie müssen also flexibel sein?

Genau. Manchmal muss man mehr, manchmal weniger auf Leute zugehen. Ich will aber stets mich selbst sein, meine Linie und meinen Glauben behalten.

Fehlt Ihnen die Anonymität?

Nein. Was ich tue, tue ich gern. Das ist ein Teil meiner Arbeit. Ich verstecke mich nicht, bin gerne unter Leuten.

Sie haben gesagt, Sie seien dann zufrieden, wenn die Schweiz mit dem Nationalteam tolerant umgeht. Haben Sie selbst Intoleranz erlebt?

In Eins-zu-eins-Situationen, in denen man mit einem Menschen konfrontiert ist, habe ich selbst nie Negatives erlebt. Nie. Doch die Leute sehen dich zwei Minuten lang, sie glauben dich zu kennen. Und dann fallen irgendwo zwei Wörter, die sie falsch verstehen und nach denen sie dich im Nachhinein beurteilen. Um eine Person wirklich einschätzen zu können, braucht es mehr als zwei Minuten.

Gedeiht die Beziehung der Bevölkerung zu diesem Schweizer Team?

Wir sind auf gutem Weg. Aber auf allen Ebenen können wir uns noch steigern. Wir befinden uns mit dem Nationalteam ja quasi auf einer Werbetour durch die Schweiz und waren deshalb jetzt auch in Lausanne. Wir wollen den Leuten näher sein, auch physisch. Sie sollen uns spüren, vielleicht ein Foto bekommen. Das alles verhilft zu mehr Toleranz.

Sie fahren manchmal ans Meer nach Genua. Was fühlen Sie dort?

Ich möchte abschalten. Ich will neue Dinge wahrnehmen, weg vom Alltag. Es ist ein Ausgleich, den ich in wenigen Stunden schaffe. Es entspannt mich für meine tägliche Arbeit, gibt mir Lebensqualität sowie Energie für den Alltag.

Weckt das Meer in Ihnen auch Sehnsüchte? Wieder Klubtrainer zu sein zum Beispiel?

Jeder von uns macht sich Überlegungen. Jeder hat kleine und grosse Visionen. Ich habe gelernt, dass im Fussball die Ziele klein sind, mittelfristig oder sogar kurzfristig ausgelegt werden und nicht über den Zeithorizont von zwei Jahren gehen. Fürs Leben sind die Ziele grösser und langfristig: Was sollen die nächsten fünf Jahre bringen, wohin möchte ich mich mit der Familie entwickeln?

Was soll Ihnen das Leben denn noch bringen?

Man sollte jeden Tag versuchen, gut zu leben. Das ist einfacher, wenn man beruflich erfolgreich ist. Ich wünsche mir vor allem Gesundheit, und meinen Kindern soll es gut gehen. Ihre Wünsche sollen sich erfüllen, sie mögen ihr Potenzial ausschöpfen. Sie sollen das Leben in und mit ihrer Familie geniessen.

Ihr Vater war auch Trainer. Was haben Sie von ihm?

Die direkte, gerade Linie, seine Ehrlichkeit sich und den Spielern gegenüber. Hier hat sich viel verändert im Fussball.

Tauschen Sie sich heute noch aus?

Er ist jetzt 79 Jahre alt. Er sagt mir schon noch, was er denkt, zum Beispiel auch zu den Schweizern in der Bundesliga. Ich habe gerne, wenn mir jemand seine Meinung sagt, dann kann ich auch meine besser einordnen.

Wissen Sie, was Sie nächsten Sommer machen werden?

Ich weiss nicht einmal, wie ich diesen Sommer verbringe (lacht). Wir wollen 2018 unbedingt in Russland dabei sein. Wir müssen alles dafür unternehmen, darauf arbeiten wir in diesem Turnus hin. An der WM würden sich uns dann andere Optionen eröffnen: Wir können uns steigern. Und Grosse bezwingen.

Irgendwann wird der Zeitpunkt nach der Nationalmannschaft kommen. Bleiben Sie Trainer?

Manchmal habe ich erst spät bekommen, was ich schon früher verdient hätte. Doch jetzt interessiert mich nur die Schweiz. Hier wollen wir es gut machen, wir wollen uns für die WM qualifizieren. Mein Vertrag würde sich dann automatisch verlängern. Was danach kommt, weiss ich nicht. Ich bin offen für alles.

Welches wäre Ihr Traumklub als Coach?

Ich habe keinen. Es gibt nur Herausforderungen, die mich reizen. Also Vereine, bei denen ich mein Wissen einsetzen, etwas bewegen kann. Klubs, bei denen es nach oben keine Begrenzungen gibt, es also auch möglich wäre, die Champions League zu gewinnen.

Wie werden Sie als Rentner sein?

Ich wünsche mir, ein aktiver Mensch zu sein. Aber ich lebe heute, im Jetzt.


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