Ausschluss der Russen wird unwahrscheinlicher

WINTERSPIELE ⋅ Das IOC und die Welt-Anti-Doping-Agentur scheinen immer mehr einen Kurswechsel zu vollziehen: Russland erhält Lob für angebliche Fortschritte und kann wohl in Pyeongchang teilnehmen.
17. September 2017, 10:44

Viel deutet darauf hin, dass sich Russland allmählich auf einen Start bei den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang einstellen kann. Denn beim IOC-Gipfel in Lima bröckelt die Anti-Russland-Front zunehmend. Die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) rückt immer weiter von ihrem Kurs ab, wetterte stattdessen am Freitag gegen die Nationalen Anti-Doping-Agenturen (Nados), die einen Ausschluss des Riesenreichs von den Winterspielen im Februar gefordert hatten.

Gleichzeitig beschloss das IOC die Einführung einer Geldstrafe für Athleten und Teams, die gegen Dopingrichtlinien verstossen. Der Beschluss wurde in der Olympischen Charta verankert und ist brisant. Im Vorfeld des Gipfels von Lima gab es Berichte, wonach Russland mit einer hohen Geldstrafe von 100 Millionen Dollar davonkommen solle und von einem Olympia-Ausschluss verschont bliebe. Es scheint, als ob die IOC-Spitze um den deutschen Präsidenten Thomas Bach die Wada rechtzeitig auf ihre Linie gebracht hat. Schon vor Rio hatte das IOC auf einen Kollektivausschluss Russlands verzichtet. Das flächenmässig grösste Land der Erde soll bei den Winterspielen in Sotschi im ebenso grossen Stil gedopt haben, der kanadische Sonderermittler Richard McLaren hatte dem Gastgeber ein systematisches Doping über Jahre hinweg attestiert.

Russen wollen «ruhig bleiben und arbeiten»

Wada-Chef Craig Reedie lobte auffallend die Reformen in Russland im Anti-Doping-Kampf. Noch vor gut einem Jahr hatte seine Agentur den Ausschluss von Rio 2016 gefordert. «Es gibt einen grossen Fortschritt in Russland. Es ist wichtig, dass die Russische Nationale Anti-Doping-Agentur wieder ihre Arbeit aufnimmt», sagte Reedie nun in Lima. Russland wollte das noch nicht als Sieg verstehen. «Wir sind froh, dass Herr Reedie den Fortschritt lobt», sagte Alexander Schukow, Chef des Nationalen Olympischen Komitees Russlands und fügte an: «Wir müssen ruhig bleiben und arbeiten.»

Zuvor hatte IOC-Mitglied Denis Oswald die Ergebnisse seiner Kommission vorgestellt, die die Dopingvergehen der russischen Sportler bei den Winterspielen 2014 in Sotschi untersucht. Der Neuenburger Oswald wurde in Lima zurück in die Exekutive gewählt. Bereits von 2000 bis 2012 war der 70-jährige Teil dieses Gremiums. Er betonte, dass man noch mehr Zeit brauche und die Resultate einer forensischen Untersuchung abwarten müsse. Derzeit werden 50 Flaschen mit Proben russischer Sportler geprüft. «Wenn wir die Resultate haben, werden wir die Athleten zur Anhörung einladen», erklärte Oswald. Er hoffe, dass man die Untersuchungen Ende des Jahres abgeschlossen habe. Er wisse auch, dass die Zeit wegen der Winterspiele im Februar dränge.

Auch die Ergebnisse der zweiten IOC-Kommission in der Dopingkrise um Russland wurde vorgestellt. Die Kommission des Berner alt Bundesrats Samuel Schmid befasste sich mit dem Verdacht einer institutionellen Verschwörung in Russland und der Rolle der russischen Regierung. Bislang stünden jedoch «keine detaillierten Informationen zur Verfügung», hiess es in dem Bericht. Präsident Bach drängte darauf, dass die Untersuchung der Schmid-Kommission auf jeden Fall noch vor den Winterspielen beendet sein und Ergebnisse vorliegen müssten. «Es kann nicht sein, dass die Spiele in Pyeongchang von dem Russland-Fall überschattet werden», mahnte der IOC-Chef. (sid)


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